Uwe Seeler: «Ich bin stinknormal, und das gefällt mir»

05.11.2021 Der Mann ist der HSV. Keiner steht für die Raute wie Uwe Seeler. Jetzt wird der einstige Torjäger der Nationalmannschaft 85. Und er hat einen Wunsch, der erst Monate später eingelöst werden kann.

Uwe Seeler wird 85. Foto: Christian Charisius/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Eigentlich will Uwe Seeler nach Hause. Der Tag mit den vielen Terminen vor seinem runden Geburtstag hat ihn erschöpft. «Vielleicht mache ich ein Nachmittagsschläfchen», sagt die Fußball-Ikone verschmitzt lächelnd.

Die Ausgangstür des Restaurants «Tunici» in Norderstedt hat er fast erreicht, da ruft jemand aufgeregt: «Uwe? Sie sind doch Uwe Seeler?» Seeler dreht sich um und nickt fast verlegen. «Das habe ich mir schon immer gewünscht: Sie einmal zu treffen. Darf ich ein Foto machen?», fragt der sichtlich begeisterte Gast und hat das Handy schon gezückt. Seeler willigt ein. Ilka, Seelers Frau, wartet geduldig an der Tür. Die beiden kennen das. Seit Jahrzehnten.

Uwe Seeler wird an diesem Freitag (5. November) 85 Jahre alt. Die Menschen, die ihn einst als Vollblutstürmer erlebten, haben meist selbst graue Schläfen. Andere, die deutlich jünger sind, haben Erzählungen über ihn gehört, in der Zeitung über ihn gelesen oder bei Youtube schwarz-weiße Video-Schnipsel gesehen.

«Uns Uwe» ist fast allen ein Begriff, generationenübergreifend. «Uwe Seeler ist Ehrenbürger unserer Stadt und eine Hamburger Legende. Mit seinem sportlichen Erfolg hat er Fußball-Geschichte geschrieben», sagt Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher.

Erholung von einem Sturz

Deutschlands erster «Fußballer des Jahres» erholt sich derzeit von einem Sturz in seinem Haus. «Es könnte besser sein. Aber ich bin zufrieden», sagt er, wenn er auf sein Befinden angesprochen wird. Vor anderthalb Jahren, nach einem anderen Sturz, wurde ihm ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. «Derzeit bin ich noch etwas schwach auf den Beinen. Das kenne ich von mir gar nicht», berichtet er. Sein Gehstock ist deshalb immer in Reichweite.

Für die vielen Termine und Wünsche der Medien vor seinem Ehrentag braucht Seeler Kondition. Aber nicht immer reicht sie. «Ich will niemanden enttäuschen», sagt er. «Du willst den Leuten eine Freude machen, aber du kannst manchmal nicht. Das ist anderen schwer zu verklickern.»

Die Popularität des einstigen HSV-Torjägers par excellence gründet sich nicht nur auf seinen sportlichen Ruhm mit Hinterkopftoren und Fallrückziehern, vier WM-Teilnahmen und den zweiten Platz Deutschlands bei der WM 1966, sondern auch auf seine menschlichen Qualitäten: bodenständig, bescheiden, ehrlich. «Das Schönste auf der Welt ist doch, normal zu sein», verrät der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. «Ich bin stinknormal, und das gefällt mir.»

Er kenne das nicht anders aus seinem Elternhaus. «Vaddern hat schon aufgepasst, dass ich normal bleibe. Ich kann gar nicht verrücktspielen», versichert er und schiebt nach: «Es war auch gar nicht die Zeit dafür.» Vor Kriegsbeginn geboren, Angst und Entbehrungen als tägliche Begleiter erduldet, danach karge Zeiten erlebt - da war der Straßenfußball mit mühsam geflickten Bällen eine Ablenkung, die zur Sucht wurde.

«Er ist einer von uns»

Seeler war damals geerdet, und er ist es noch heute. «Er ist einer von uns», sagen die Fans. «Er ist ein Freund und super Typ», sagt Ex-Torjäger Horst Hrubesch. «Fantastisch diese Bodenständigkeit und Offenheit. Würde es 'den Dicken' nicht geben, müsste man ihn erfinden.»

Auf sein Leben blickt Seeler mit Dankbarkeit. «Ich glaube, ich habe so weit alles richtig gemacht. Ich bin zufrieden und meine Familie ist es auch.» Er würde alles genauso machen, wenn er die Chance dazu hätte. «Jetzt wollen wir noch die nächsten Jahre erleben», sagt er und drückt seine Ilka. Sein größter Wunsch neben Gesundheit: dass sein HSV, den er nie verlassen hat, selbst für ein Millionenangebot von Inter Mailand nicht, wieder erstklassig wird. «Das wäre schön, wenn sie wieder in die erste Liga kommen», seufzt er. Das jedoch kann dauern.

Mit dem heutigen Profifußball fremdelt er. «Die verdienen zwar alle mehr Geld, aber ich weiß gar nicht, ob die heutige Zeit wirklich die bessere ist», sagt der 72-malige Nationalspieler. Das Preis-Leistung-Verhältnis müsse stimmen, mahnt er und sieht dort eine Schieflage. Explodierende Ablösesummen und Gehälter erschrecken ihn: «Ich fürchte deshalb, das kann so nicht lange gut gehen.»

Ein Dorn im Auge sind ihm auch Anstoßzeiten aus Kommerzgründen zu vorgerückter Stunde. «Das geht gar nicht», grollt er. Beim Pokalsieg des HSV in Nürnberg mit dem Elfmeterschießen eine halbe Stunde vor Mitternacht hat er nur bis zum 1:1 am Fernsehschirm ausgeharrt. Seine Frau hat ihm das Ergebnis später verraten. «Die sind doch bekloppt, was sie mit uns machen», schimpft Ilka Seeler über TV-Übertragungen zur Schlafenszeit.

Das Bekenntnis von Nationalspieler Joshua Kimmich, sich derzeit nicht impfen zu lassen, entsetzt Seeler. «Seine Einstellung zur Impfung finde ich sehr seltsam. Er muss doch auch an die anderen denken, die er anstecken kann.» Die Corona-Einschränkungen haben auch Familie Seeler, die drei Töchter und sieben Enkelkinder hat, zugesetzt. «Wir haben ja völlig abstinent gelebt, hatten kaum Besuch. Die Zeit war schon sehr lang, in der wir praktisch im Haus-Gefängnis gelebt haben. Jetzt gehen wir schon mal wieder essen mit Freunden.»

Mit seiner Frau Ilka ist Seeler 62 Jahre verheiratet. «Mäuschen», sagt sie noch heute liebevoll zu ihm. «Wir haben nicht so viel verkehrt gemacht», meint er. Ausschließlich Sonnenschein gab es aber nicht. «Es hat auch mal richtig gekracht», sagt Ilka und gesteht, dass sie damals sogar Reißaus nehmen wollte. «Erinnerst du dich nicht an den Streit?», fragt sie ihren Mann. Uwe Seeler guckt angestrengt. Dann sagt er grinsend: «Da hattest du aber Schuld, ne?»

© dpa-infocom GmbH

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