«Blessings And Miracles»: Santanas neue Segnungen

18.10.2021 Wie vor gut 20 Jahren mit dem Welterfolgsalbum «Supernatural», setzt Carlos Santana erneut auf ein bewährtes Crossover-Konzept: Prominente Gastmusiker - plus markante Gitarrenklänge des Altmeisters.

Carlos Santana musiziert auf seinem neuen Album mit zahlreichen prominenten Gästen. Foto: Amy Harris/Invision/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Woodstock-Veteran, Erfinder des Latin-Rock, zehnfacher Grammy-Gewinner, sozial engagierter Künstler: Man übertreibt sicher nicht, wenn man Carlos Santana als hoch ehrwürdige Musik-Ikone bezeichnet.

Dass dem sensationellen Band-Debüt «Santana» (1969) und dem ersten Welthit-Album «Abraxas» (1970) in mehr als 50 Jahren auch schwächere Werke folgten, gehört zu so einer Langzeitkarriere dazu.

Mit «Blessings And Miracles» (übersetzt: Segnungen und Wunder) will der inzwischen 74 Jahre alte Gitarrenvirtuose nun noch einmal kreativen und kommerziellen Erfolg zusammenzwingen - auch mit Hilfe zahlreicher prominenter Gäste. Es gelingt Santana, was die Qualität der 15 Stücke betrifft, nur teilweise.

Das 56 Minuten lange neue Album kommt daher nicht an die Klasse der Comeback-Platte «Supernatural» (1999) heran. Für sie hatte der damals nicht mehr ganz so erfolgreiche US-Amerikaner ebenfalls mit vielen angesagten jüngeren Musikern zusammengearbeitet - und damit in jeder Hinsicht weltweit triumphiert.

«Blessings And Miracles» hat natürlich seine feinen Santana-Momente, etwa zu Beginn im feurigen, passend betitelten Latin-Feger «Santana Celebration». Da fühlt man sich noch an die Platte «Santana IV» (2016) erinnert, eine äußerst gelungene Rückkehr des reifen Musikers zu seinen Wurzeln.

Aber leider gibt es danach auch manch überflüssiges Füllmaterial. Etwa die lahme Coverversion von Procol Harums Jahrhundert-Song «A Whiter Shade Of Pale» (immerhin von der tollen Soul- und Blues-Stimme des fast gleichaltrigen Santana-Freundes Steve Winwood veredelt) oder das hardrockig-bräsig stampfende «Peace Power».

Vor allem aber fällt der in Mexiko geborene, beim legendären Woodstock-Festival von 1969 zum Star aufgestiegene Carlos Santana mit einigen arg kalkuliert wirkenden Songs dem eigenen (und eben nicht mehr ganz so originellen) Crossover-Konzept zum Opfer. Es scheint bisweilen allzu sehr am Reißbrett für Latin-Pop-Grooves entworfen: Beiträge renommierter Kollegen wie Rapper G-Eazy, Countryrocker Chris Stapleton, Diane Warren, Rob Thomas (Matchbox 20) und Kirk Hammett (Metallica) - plus die unverwechselbar lang gezogenen Gitarren-Soli des Meisters. Ein musikalisches Malen nach Zahlen.

Richtig schön wird es auf «Blessings...», wenn die Santana-Familie spürbar ins Spiel kommt. Etwa mit «Breathing Underwater», einfühlsam gesungen von seiner Tochter Stella, oder «Rumbalero» mit Sohn Salvador am Mikro.

Im «Song For Cindy» schließlich zeugt jeder Gitarren-Ton, jede melodische Girlande von einer großen Zärtlichkeit, die Carlos Santana für seine seit 2010 mit ihm verheiratete Schlagzeugerin Cindy Blackman empfindet. «Mit Cindy zusammen zu sein ist ein echtes Geschenk, weil ich noch nie jemanden mit der Energie getroffen habe, die sie einbringt», sagte er kürzlich in einem Interview. «Und wenn sie nicht an den Drums sitzt, ist sie einfach eine unglaubliche, süße, liebenswerte Person.»

Einen weiteren Höhepunkt hat sich Santana für den Schluss des Albums aufgehoben: Das Instrumentalstück «All Together» präsentiert den bahnbrechenden Gitarristen an der Seite des im Februar mit 79 Jahren gestorbenen Piano-Genies Chick Corea - hier funktioniert die Kollaborations-Idee in einer gut dreiminütigen Jazz-Rock-Mixtur.

«Der Titel dieses Albums spiegelt meine Überzeugung wider, dass wir alle mit himmlischen Kräften geboren werden, die es uns erlauben, Segen zu bringen und Wunder zu schaffen», so zitiert das Label BMG den zu spirituellen und esoterischen Sichtweisen neigenden Santana. «Wir müssen uns das Licht, den Geist und die Seele zunutze machen - sie sind unzerstörbar und nicht beeinflussbar. Und das sind auch die drei Hauptelemente auf diesem Album.»

Dem Heldenstatus von Carlos Santana - bereits seit 1998 Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame - fügt «Blessings And Miracles» letztlich kaum Neues hinzu, das Album kratzt aber auch nicht ernsthaft an seinem guten Ruf.

Der 74-Jährige hat ja Recht mit seiner Selbsteinschätzung: Er zähle zu «diesen gewissen Musikern, bei denen man vom ersten Ton an weiß, wer das ist, egal mit welchem Verstärker oder mit welcher Gitarre sie gerade spielen (...)», so Santana im Interview. «Gefühl, Emotion und Leidenschaft - pack das in jede einzelne Note, und dann kannst du von deiner Musik gut leben.»

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