Anständig verwildern

13.11.2020 Tapfer weiter im Programm: was man unbeobachtet für tolle Sachen machen kann. Wie man die richtigen Filme nicht findet. Und wo man am besten lässig Erinnerungen sammelt.

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Okay, halten wir uns also weiter von der Außenwelt fern und schützen uns vor spannenden Erlebnissen. Meine letzte innerhäusige Challenge: einen Rohkostsalat raspeln und beim Essen dann Bilder von amerikanischen Käse-Makkaroni ansehen. Nebenher ploppen auf dem Bildschirm sensationelle Nachrichten auf: Single’s Day am 11. November! Tröööt! Tatsächlich war weltweit noch nie was interessantes los am Single’s Day - außer in China, wo ein paar Studenten den Tag vor 17 Jahren aus Jux und Dollerei erfanden. Seitdem wird dort jedes Jahr heftig gefeiert. Ich selber stand am Single’s Day in Unterhose in der Küche und aß Erdnussbutter aus dem Glas, ohne dafür getadelt zu werden. Abends tat ich, was sonst unbeobachtete Männer gerne tun und trank unter der Dusche ein kaltes Bier aus der Flasche. Langsam verwildert man.

Ebenfalls niemand tadelt Sie oder mich, weil wir aktuell zu oft auf Netflix & Co herumhängen. Auf Amazon prime kann man die Bewertungen der anderen Kund*innen lesen. Sie helfen kein bisschen weiter. Der letzte Film, auf den ich zufällig stieß, war Sag’s nicht weiter, Liebling. „Wundervoller Wohlfühlfilm“, las ich. “Ich habe ihn an einem Wochenende 2x auf Deutsch und 2x auf Englisch angesehen… tolle Hauptdarsteller… sehr empfehlenswert… je länger ich hier schreibe, um so sicherer ist es, dass ich ihn heute wieder ansehe.“ Nun, das klang komplett nerdig, anderseits aber auch irgendwie überzeugend – bis ich die 1-Stern Kritiken las: „Ich würde sehr gern in die Vergangenheit reisen und es ungeschehen machen, dass dieser Film überhaupt gedreht wurde. Bitte nicht anschauen - gehen Sie weiter! Hier gibt es NICHTS Interessantes zu sehen!“ Mittlerweile gucke ich kaum mehr Filme, weil das Lesen der Bewertungen mich zeitlich und emotional komplett ausfüllt.

Zum Chillen habe ich mir Traumhaus Makeover angesehen, eine frisch angelaufene Reality-Show aus den USA, ganz ohne Bewertungen. Inhalt: Innenarchitektin stellt Menschen viele große Sofas in ihre riesigen, leeren Räume. Die Show ermüdet, außer Sofas gibt es nicht viel zu sehen. Aber auch im langweiligsten TV-Ereignis findet sich ein Krümelchen Erkenntnis. Die Bewohner*innen werden gefragt, wie sich denn so grundsätzlich ihr Leben Zuhause vorstellen. Sie wollen alle das Gleiche, mit Tränen in den Augen: „creating memories“. Gute Erinnerungen für später zu schaffen, ist in Amerika zu einer wichtigen, stressigen Geschichte geworden. Aber die ansässigen Psychologen kümmern sich bereits, überall kann man lesen, wie man einfach mal auf dem Sofa lümmelt, im Wald umherstreift oder einen Apfelkuchen backt, ohne dabei panisch zu werden. Wir hier können das ja schon – machen wir also tapfer weiter im Programm, irgendwann werden wir uns garantiert gerne daran zurückerinnern.

© Nele Nielsen

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