Einfach mal raus damit!

03.08.2019 Seien Sie nicht schüchtern: eine kleine Macke und ein nackter Popo am Strand entspannen erheblich.

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Bis vor einer Woche dachte ich noch, ich wäre einfach nur etwas nervös. Schmatzende Menschen machen mich wuschig. Ebenso, wie lautstark am Handy telefonierende, denen ihre Umgebung wumpe ist. Bei mir löst so etwas ein unruhiges Gefühl aus, dass sich gerne zum Zorn entwickelt. Nun weiß ich, dass meine Kribbligkeit einen Namen hat: Misophonie, der Hass auf Geräusche. Misophonie wird durch alle möglichen, von Menschen produzierten Geräusche ausgelöst: Schmatzen, Rascheln, Klopfen, Rachengeräusche, Konsonanten, Vokale. Also so ziemlich alles. Symptome, sagt das Lexikon, sind Irritation, Ärger und Wut, Frustration, Sorge und Angst, sowie das Bedürfnis sich zu entfernen und zu weinen. 

Das mit dem Entfernen und Weinen ist allerdings so eine Sache. Nervige, lautstarke Menschen sind ja quasi überall. Mich von ihnen zu entfernen und zu weinen wäre eine tagesfüllende Beschäftigung, da käme ich sonst zu nix.

Manche der Betroffenen, sagt das Lexikon, stehen unter dem Zwang, das, was sie hören, nachzuahmen. Ich finde das eine schöne Lösung. Nehmen wir eines der klassischen Brülläffchen, das gerade lebensnotwendige Durchsagen per Handy macht („ja, wollt nur noch mal sagen, dass ich gleich da bin… ja, sitz im Bus, bin gleich da. Und Mutti auch schon da? Ja, dann grüß man schön. Ich bin ja auch gleich da“). Da stellt man sich einfach daneben und ruft, auch ohne Handy, ähnlich Wichtiges in die Gegend. „Ja, nee, wollt nur mal kurz Bescheid sagen! Alles, wie abgemacht! Grüß Mutti!“ – das passt eigentlich immer. 

In Schweden, wo ich kürzlich auf den Klippen döste, war es ja sehr leise. Und überhaupt insgesamt eher verhalten. Nicht einmal mehr beim Wechseln der Badekleidung zeigen sich die Schweden nackt. Selbst ein Handtuch reicht ihnen nicht mehr, um sicherzugehen. Stattdessen wenden sie eine äußerst umständliche Technik an, bei der das nasse Badezeug unter dem darüber gezogenen trockenen hervorgepriefmelt wird. Man darf es ‚neues schwedisches Modell‘ nennen, denke ich.   

Noch verschämter geht es in Amerika zu. Dort sitzt man solange stoisch im nassen Zeug am Strand, bis alles wieder trocken ist. Oder man fährt eben nass nach Hause. Hauptsache, niemand bekommt einen nackten Popo zu sehen. Sind sommerliche Blasenentzündungen überproportional häufig, im Land der großen Verklemmtheit? Und hat das Herumhocken in nasser Kleidung irgendeinen Einfluss auf die geistige Zurechnung? Man weiß es nicht, aber es wäre interessant, das herauszufinden.

Es ist jedenfalls so weit, dass wir Deutschen uns nun anmelden können für den Titel ‚lockerstes Volk von allen‘. To say it for the world: ‚Germany first in being naked’.

© Nele Nielsen

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