Schön runterdampfen

19.11.2021 Gefühle sind eine wunderbare Sache – aber nun müssen wir uns langsam auf Weihnachten und die Familie vorbereiten. Also: schön runterdampfen und die Sache angehen wie ein Automechaniker.

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Gestern zur Autowerkstatt gefahren. Man muss hinfahren, wenn man eine Frage hat, der Meister hält nichts vom Telefonieren. „Das Gequatsche…“, sagt er, „wer was will, soll kommen.“ Wer möchte da widersprechen. Der Meister ist nicht leicht zu finden dieses Mal, er sitzt in der hintersten Werkstattecke auf einem Stuhl, die Arme über dem mächtigen Bauch verschränkt. „Moin,“ sage ich, „dachte schon, der Meister ist nicht da, aber hier sitzt er ja, warum so versteckt?“ „Weil,“ sagt der Meister, „ich die Schnauze voll hab‘.“ Da fragt man nicht groß nach, da nickt man und kommt zum Wesentlichen: Ich brauche dringend TÜV, er ist schon seit Mai abgelaufen, ich habe bereits einen Strafzettel und soll den geprüften Wagen beim Amt vorführen, quasi bereits gestern. Der Meister schnaubt. „Vor Weihnachten wird das nix“, sagt er. Ich fahre das übliche Programm auf - der Meister will es so, er braucht es, jedes Mal - schlage die Hände vors Gesicht, sacke in mich zusammen, bin kurz vor einer Ohnmacht, stöhne, mein Leben ist verwirkt, hoffnungslose Verzweiflung. „Na, dann bring ihn Montag“, sagt der Meister.

Dann kommt der Geselle rein und sagt, dass er doch noch ‘nen Dreierflansch gefunden hätte und der 25er sei wieder da, er würde jetzt loslegen. Der Meister nickt, der Geselle trollt sich. Abends, wurde mir in diesem Moment klar, gehen Meister und Geselle, wie Millionen anderer Männer weltweit, nach Hause zu ihren Frauen und wenn die dann über die Beziehung reden wollen, dann passt das einfach nicht. Weil Beziehungsgespräche nämlich etwas schwammiges, undefiniertes sind, alle Beteiligten haben dabei ein unangenehmes Gefühl und niemand kann wissen, wo das Ganze enden wird. Jetzt mal im Gegensatz zu einer Autoreparatur.

Lassen wir also probehalber mal die Emotionen beiseite. Das wird auch an Weihnachten helfen, ich selber fürchte mich bereits vorm Fest. Mein Bruder kommt zu Besuch, er lebt in Amerika, und bringt Frau und Kinder mit. Ihr Small Talk überfordert mich, sie wiederum geraten in Panik, wenn ich über Gefühle spreche. Aber als Chefin der Familie muss ich die Verantwortung wahrnehmen. In einem Interview sagte ein erfolgreicher Unternehmensberater: „Ob ein Chef sich authentisch fühlt oder nicht, interessiert mich eigentlich nicht. Er hat eine Dienstleistungsfunktion gegenüber den Mitarbeitern, er muss sie besser machen. Wer das nicht mag, muss entweder den Job aufgeben oder lernen zu schauspielern, bis er sich damit irgendwann wohlfühlt.“ Kürzer wird es nur noch Undercover-Agenten in Fernsehserien geraten: „Verhalte dich unauffällig und sei ein guter Bürger.“ Für den Notfall ist dann immer noch das Raclettepfännchen zur Hand.

© Nele Nielsen

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