Live aus Berlin

29.10.2021 Die Sehenswürdigkeiten in der Hauptstadt kann man auch links liegen lassen – es reicht völlig, einfach in einen Stadtteil zu plumpsen und dort alles zu bestaunen.

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Herrschaften und Damenwelt, ich melde mich live aus Berlin. Zuletzt war ich vor Jahren dort, jetzt staune ich wie beim ersten Mal, das ist der klassische Berlin-Flash. Erstmal die Häuser: Die Altbauten haben fünf Stockwerke, statt vier, wie in gewöhnlichen deutschen Großstädten, und das macht schon mal mächtig Eindruck. Die Zimmerdecken sind so hoch, dass man sie vom Boden aus nicht sehen kann. Die Geländer in den Treppenhäusern liegen ungewöhnlich tief - keine Chance, sich schnaufend am Handlauf emporzuziehen oder sich auf dem Weg hinab abzustützen, wie es im Rest der Republik üblich ist. In der Hauptstadt schlenkert der Arm leger nach unten, die Hand fällt locker aufs Geländer, ich hab’s ausprobiert, man fühlt sich sofort unglaublich lässig. Jetzt das Stadtzentrum: es gibt gleich mehrere, sensationell. Dann die Hauptstraßen: enorm breit! Die Autos fahren aber gemütlich wie auf dem Dorf, man weiß nicht wieso.

Auf den Bürgersteigen sind reichlich eigenwillige Einzelgänger zugange - sie singen oder sprechen laut vor sich hin, meist in Rage. Mein Berliner Begleiter und ich machten es ihnen sofort nach, marschierten in entgegengesetzte Richtungen und verkündeten alles Mögliche: „Ich bestehe drauf! Das ist jetzt eine Entscheidung, alles andere kommt mir nicht in die Tüte! Merkste selber, oder?“ Niemanden interessiert es, die Hauptstädter*innen haben anderes zu tun. Sie müssen nach Feierabend vorm Doc Martens-Laden Schlange stehen, denn klobige schwarze Boots gehören zu Berlin, wie das Nüsschen zum Eichhörnchen. Das überfüllteste Geschäft, in dem ich war, war ein japanisches. Es gab weiße Plastikboxen in allen Größen und eine sagenhafte Auswahl durchsichtiger Täschchen. Definitiver Hauptstadt-Trend: Dinge in schlichten Behältnissen verstauen.

Mein Berliner treibt sich gerne auf den Veranstaltungen der vielen Botschaften herum - der Mann mag nicht kochen und auf den Empfängen gibt es neben interessanten Vorträgen auch wertige Häppchen und freie Getränke. In Berlin hat ohnehin niemand Lust, in der Küche rumzustehen, man speist lieber vor einem der sieben Trilliarden Imbisse und sieht dabei irgendwie beachtenswert aus. Jedenfalls langweilt sich kein Mensch, in Berlin ist es verboten, sich und andere zu langweilen. So ist das in der Hauptstadt, wer also frische Eindrücke und Gedanken braucht: fix mal hin und planlos durch die Gegend trullern, der Rest ergibt sich von alleine.

© Nele Nielsen

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