Wokeness

26.09.2021 Heute schaffen wir uns drauf, was den Youngstern im Blut liegt: ein geschärftes Bewusstsein für alles Mögliche.

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Ich bin keine 25 mehr, deshalb muss ich mir also mühsam draufschaffen, was die Youngster mal so eben nebenher denken und tun. Aktuell kümmere ich mich um „Wokeness“. All jene, die Wokeness schon längst praktizieren oder diskutieren: Ihr habt jetzt Schluss und dürft in die Pausenhalle. Alle anderen: aufgemerkt und gestaunt, liebe lernbegierige Gemeinde! Wokeness meint, ein wachsames Bewusstsein für Diskriminierungen und Missstände zu haben. Das klingt erstmal gut und richtig, finde ich, allerdings steht nirgendwo geschrieben, was woke und was nicht woke ist. Manches ist natürlich pumpernickel-einfach: wer Diesel fährt und fliegt: nicht woke. Wer ein Lastenfahrrad hat und nur Bio einkauft: sehr woke. Wer sein in Deutschland genähtes T-Shirt im kleinen Laden um die Ecke kauft: prima woke. Wer in Indien oder China gefertigte Klamotten für 5 Euro kauft: absolut nicht woke. Und so weiter. Ich möchte keinesfalls moralisch werden, also dampfe ich die ganze Sache jetzt mal auf meine eigene kleine Befindlichkeit runter: ich fahre Auto und fliege, lasse dafür meinen Garten für die Umwelt korrekt verwildern, kaufe nur Biomilch und werde meinem Postboten einen tollen Kuchen backen, weil er bei der Flutkatastrophe geholfen hat. Das ist ein okayes Verhältnis, natürlich nur in meinen Augen. Außerdem verurteile ich niemanden mehr wegen seiner Kleidung. Außer, wenn ich stark gebaute Männer erblicke, deren Hose über den halben Hintern runterrutscht, wenn sie sich vorbeugen, um zum Beispiel ihr Auto zu saugen. Da möchte ich dann hingehen und sagen: „Dude, kleiner Hinweis: neue Jeans kaufen, die Welt sieht Deine Po-Ritze.“ Von jungen Menschen weiß ich, dass sie niemals jemanden wegen seines Äußeren richten. Sie denken eher: ‚Aha, der Mann merkt nicht, dass seine Hose ihn entblößt. Oder vielleicht merkt er es und es macht ihn traurig, dass sein Beinkleid nicht sitzt. Okay, ich sehe einfach mal weg.‘ So möchte ich auch denken können, aber in meiner Jugend war man noch grausam und hat einander mit Tomaten beworfen und Juckpulver in den Pullover gesteckt. Das ist ein Trauma, deshalb kommen viele ältere Menschen nicht mit der Wokeness zurecht. Ich würde auch gerne auf ein Lastenfahrrad umsteigen, prinzipiell, aber ich kann es leider nicht. Die Gründe sind vielfältig: erstens bin ich träge; zweitens sitze ich bei Regen lieber trocken im Wagen; drittens ist die ganze Lastenfahrrad-Sache irgendwie unsexy. Unter uns Betschwestern: irgendjemand in der Runde, der ‚wow! Leute auf Lastenfahrrädern, die turnen mich wirklich an!‘ denkt?

Also, die Wokeness-Geschichte ist eine verfrickelte Sache, denn es geht um korrektes Verhalten und Denken und beides muss mühsam in jedes einzelne Köpfchen hineingeklopft werden, auch in mein eigenes verbohrtes. Aber sollte uns allen die neue Moral irgendwann zu viel werden, denken wir uns einfach eine neue aus. Ich schlage für den Anfang vor: Wer gerade seinen Wocheneinkauf aufs Kassenband legen will, lässt die Person hinter sich, die, mit nur drei Teilen im Körbchen, vor.

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