Knüller am Wasser

09.07.2021 Man muss nur genau wissen, was man will und dazusagen, wie alt man ist - dann findet man eventuell sogar ein Haus am Meer.

© picture alliance / dpa / Bernd Weissbrod

Ich will das Thema „Liebe suchende Menschen“ nicht überstrapazieren, aber was soll ich machen? Immer wieder ploppen interessante Kontaktanzeigen auf, Miniatur-Romane, die tolle Geschichten erzählen. In meiner ansonsten drögen Tageszeitung entdeckte ich folgenden Knüller: “Suche liebevollen Mann, welcher am Wasser lebt, gerne älter, mit Platz für mich, 53, mollig und meinen 19-jährigen Sohn, viele klassische LPs und ein Klavier.“ Knapp auf den Punkt, alles drin und dran, dabei spannend gemacht, insgesamt eine vorbildliche Annonce. Natürlich tauchen Fragen auf: weiß der Sohn, was seine Mutter plant? Oder war sogar er derjenige, der drängelte: „Mutter, es ist nun an der Zeit unsere kleine, hellhörige Mietwohnung zu verlassen. Die Nachbarn klopfen allzu laut mit den Besenstielen an die Wände und ich brauche Ruhe, um Beethovens Klaviersonate Nr. 29 B-Dur op. 106 irgendwann fehlerfrei spielen zu können. Du weißt, diese Sonate ist eine der fünf schwierigsten der Welt. Geh und such einen Mann mit einem Haus, damit ich ungestört üben und bald auf internationalen Bühnen Erfolge feiern kann.“ Und hat die Mutter wohlmöglich geantwortet: „Mein Sohn, das will ich gerne tun, aber das Haus sollte am Wasser liegen, denn Du wiederum weißt, dass ich mit meinem Faltboot für Olympia trainiere“? „Natürlich, Mutter!“, mag der Sohn zugestimmt haben, „unser beider Glück soll gewährleistet sein.“ Ja, ich denke, so könnte es gewesen sein und wünsche den beiden viel Erfolg.

Nun zu einer anderen Annonce mit ähnlichem Begehr: „Sie haben eigentlich alles. Sie sind schön & klug, schlank, 50+, haben ein Haus am Meer und vieles mehr, nur eines haben Sie nicht: den Mann an ihrer Seite.“ Die Anzeige geht noch ewig weiter, poetisch und völlig frei von Fakten; der Inserent verspricht, zur Dame seines Herzens aufzuschauen und Partner für ein Leben in Glückseligkeit und Harmonie zu sein. Nur über sich selber verrät Monsieur nichts, und zwar: rein gar nichts. Das ist bedauerlich, denn soviel möchte ich als schöne, kluge, schlanke Hausbesitzerin am Meer doch über meinen zukünftigen Mitbewohner wissen: Ist er ein aktiver Greis um die 87? Ein flotter Jungspund Anfang 30? Reicht er von deiner Größe her an meine venezianischen Wandleuchter heran, um die Glühbirnen zu wechseln? Ist er so schön, wie ich? Besitzt er Eigenschaften? Bringt er ein Klavier mit, einen Fischbräter, eine Tochter, irgendetwas?

Nun, das alles können wir später noch sehen, mag der Mann sich beim Aufsetzen der Anzeige gedacht haben. Oder er ist einfach ein Schusselchen und hat vergessen, den Text vor dem Absenden nochmal kritisch zu prüfen. So jemand wird sicher auch unbedacht mit meinem chinesischem Teeservice umgehen und Sand ins Haus tragen. Nun, ich will nicht verzweifeln, zumal es gerade 16.30 ist. Zeit für einen Gin Tonic.

© Nele Nielsen

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