Ex-Zehnkämpfer Busemann über Silber: «Unendlich dankbar»

30.07.2021 Frank Busemann eroberte vor 25 Jahren als Nobody Silber bei Olympia. Die Chancen der deutschen Zehnkämpfer um Niklas Kaul beurteilt der ARD-Experte und Leichtathletik-Liebling eher zurückhaltend.

Wenn Frank Busemann in diesen olympischen Tagen am ARD-Mikrofon auftaucht, dann fühlt sich so mancher Zuschauer an die Sommerspiele 1996 in Atlanta erinnert.

Vor einem Vierteljahrhundert saß der der ansonsten so aufgeweckte Zehnkämpfer nach dem aufregendsten Wettkampf seines Lebens mit Silber-Coup verwirrt und verlegen bei der Pressekonferenz auf einem Stuhl. «Das ist wie im Film», sagte der angehende Bankkaufmann aus Recklinghausen damals. «Es war ziemlich anstrengend, ich bin ziemlich müde und ich habe immer wieder gedacht, ich spinne. Ich brauche jetzt ein paar Wochen, um das zu kapieren.»

Das Silber des Nobodys gehört bis heute zu den größten Überraschungen des deutschen Sports bei Sommerspielen. «Für die deutsche Leichtathletik war das ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergessen wird», prophezeite der damalige Verbandspräsident Helmut Digel - und behielt recht. Busemann wurde in jenem Jahr «Sportler des Jahres» und zehrt bis heute von seiner Popularität.

1996 hat alles gepasst

«Ich bin unendlich dankbar für diese beiden Tage. Vielen bleibt das ein ganzes Leben verwehrt», sagte der 46-Jährige kürzlich in einem Interview auf leichtathletik.de. «Es muss natürlich auch zum richtigen Moment passen: Wenn du bei Kreismeisterschaften in Olympia-Form bist, bringt das letztlich nichts und umgekehrt. 1996 hat alles gepasst, darauf bin ich wahnsinnig stolz. Olympia überstrahlt einfach alles.»

Als der Zehnkämpfer an jenem 1. August 1996 in den Katakomben des Olympiastadions von Atlanta allmählich wieder zur Besinnung kam, lag er schon in den Armen seines Vaters und Trainers Franz-Josef Busemann. «Wir haben 'ne Runde geheult», erzählte der Silbermedaillengewinner später und in seinen Augen schimmerte es erneut.

Bei Dan O'Brien liefen die Tränen bereits, als er noch auf der Tartanbahn stand und sich als Olympiasieger feiern ließ. Der König der Athleten und sein Kronprinz: Das 21-jährige Milchgesicht, das auf dem Treppchen neben ihm stand, hatte der Amerikaner erst am Tag zuvor kennengelernt. «Busemann hat mich wahnsinnig überrascht. Er ist aus dem Nichts gekommen», so O'Brien. Busemann kam beim erst fünften Zehnkampf seiner Karriere auf sagenhafte 8706 Punkte, O'Brien auf 8824.

Nach WM-Bronze 1997 viele Verletzungen

«Es war der Moment meines Lebens, vor dem der komplette Rest meiner sportlichen Karriere verblasst», sagte Busemann, der 1997 noch WM-Bronze holte und danach immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte. «Ich werde immer mit diesen zwei Tagen von Atlanta in Verbindung gebracht und davon profitiere ich noch bis heute.»

Busemann hält Vorträge, ist ARD-Experte - und hat sich seine offene und sympathische Art bewahrt. «Normalerweise ist es ja so: In einer Sportart, in der nicht Millionen verdient werden, beendest du irgendwann deine Karriere, suchst dir einen Job und gehst vernünftig arbeiten», erklärte er. «Das hatte ich 2003 auch vor, aber dann kamen Anfragen von Unternehmensberatungen, von Medien und so ging es weiter – alles wegen der Tatsache, dass ich Zehnkämpfer war und sieben Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen zwei sehr gute Tage hatte. Was ich jetzt 25 Jahre mache, basiert also auf der Medaille von Atlanta.»

In Tokio schaut Busemann natürlich ganz besonders auf die deutschen Zehnkämpfer. Was er Weltmeister Niklas Kaul (Mainz) und Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied) zutraut? «Auf dem Papier sind beide zwar im erweiterten Kandidatenkreis, aber keine Favoriten. Ich gehe aus deutscher Sicht aber davon aus: Eine Medaille ist außerhalb der Reichweite – und wenn es doch eine wird, umso schöner», sagte der Leverkusener zurückhalten. «Eine Medaille wäre eine Sensation, machen wir uns nichts vor.» Aber keine so große Überraschung wir damals Busemanns Silbermedaille.

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