In Corona-Lockdowns nahm Gewalt an Kindern und Frauen zu

06.10.2021 Es sind traurige Höchstwerte: In der Corona-Zeit ist es zu mehr Gewalt in Familien und Partnerschaften gekommen. Kinderschutz-Mitarbeiter wollen deshalb, dass Schulen geöffnet bleiben - aber sicher.

Ein Junge sitzt in der Ecke seines Zimmers am Fußboden und kauert sich zusammen. Foto: Nicolas Armer/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Während der Corona-Pandemie haben Kinder und Jugendliche nach Einschätzung von Fachleuten deutlich mehr Gewalt erfahren als zuvor. Die von den Kinder- und Jugendschutzdiensten in Thüringen registrierten Fallzahlen seien auf den höchsten Stand seit der Einführung dieser Dienste im Jahr 1994 gestiegen, sagte der Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Kinderschutz, Heiko Höttermann, am Mittwoch in Erfurt. Es sei offensichtlich, dass diese Zunahme der Gewalt auf die coronabedingten Lockdowns im vergangenen Jahr zurückzuführen sei.

Nach Angaben von Höttermann hatten die 19 Kinder- und Jugendschutzdienste im Freistaat im vergangenen Jahr 2025 Fälle zu bearbeiten. 2019 seien es 1830 Fälle gewesen. Im vergangenen Jahr sei es in 305 Fällen ausdrücklich um Fälle häuslicher Gewalt gegangen - nach 253 Fällen im Jahr 2019. Sowohl die Gesamtzahlen als auch die zu den Fällen, in denen es explizit zu häuslicher Gewalt gekommen sei, hätten traurige Höchstwerte erreicht.

Der Druck auf die Familien überall in Deutschland habe durch die verschiedenen Lockdowns deutlich zugenommen, sagte Höttermann. Daraus ergäbe sich auch eine dringende Handlungsempfehlung für die Zukunft. «Das ist auch noch mal ein ganz deutliches Signal, dass man das Augenmerk stärker auf die Kinder und Jugendlichen richtet.» Es sei entscheidend, dass Schulen und ähnliche Orte, die für junge Menschen wichtig seien, auch bei einer anhaltenden Pandemie geöffnet blieben.

Dass an den Thüringer Schulen inzwischen keine verpflichtenden Corona-Tests mehr stattfinden, halte er ebenso wie andere Mitarbeiter der Kinder- und Jugendschutzdienste vor diesem Hintergrund für falsch, sagte Höttermann. Immerhin könnten diese Tests dazu beitragen, Schulen sicherer zu machen, sodass sie auch bei steigenden Infektionszahlen geöffnet bleiben könnten. Trotz deutlicher Kritik unter anderem aus dem Thüringer Landtag hat sich das Landes-Bildungsministerium dazu entschieden, die Corona-Testpflicht an den Schulen im Freistaat zwei Wochen nach Beginn des neuen Schuljahres auslaufen zu lassen.

Thüringens Gleichstellungsbeauftragte Gabi Ohler sagte, man müsse davon ausgehen, dass vor allem auch Frauen durch die Corona-Krise häufiger Gewalterfahrungen gemacht hätten als zuvor – auch wenn sich dies zum Beispiel in der Polizeistatistik nicht nachvollziehen lässt und auch in den Frauenhäusern während der Pandemie nicht mehr Frauen untergebracht gewesen seien als zuvor.

Beim Besuch verschiedener Einrichtungen habe sie immer wieder gehört, dass Frauen aus den unterschiedlichsten Gründen den Gang ins Frauenhaus zwar erwogen, dann aber nicht umgesetzt hätten, sagte Ohler. Etwa, weil sie Angst vor einer Corona-Infektion in einem Frauenhaus gehabt hätten oder es ihnen im Lockdown nicht gelungen sei, die Wohnung zu verlassen, in der sich auch ihr gewaltbereiter Partner aufhielt. Ein Indiz für die steigende Gewalt gegenüber Frauen in der Corona-Krise sei, dass telefonische oder Online-Hilfsangebote für Betroffene deutlich stärker nachgefragt gewesen seien als vor Beginn der Pandemie, so Ohler.

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