Feierliche Übergabe neuer Tora-Rolle in Erfurt

30.09.2021 Zwei Jahre, 304 805 hebräische Buchstaben, einen Schofer und drei Gemeinden brauchte es - jetzt hat die jüdische Landesgemeinde Thüringen eine neue Tora-Rolle.

Alexander Nachama (M), Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens, trägt die neue Torarolle für die jüdische Landesgemeinde zur Synagoge. Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen hat eine neue Tora-Rolle. Am Donnerstagnachmittag brachte der Berliner Rabbiner Reuven Yaacobov in Erfurt die letzten 36 der insgesamt 304 805 Buchstaben vor rund 200 Menschen auf koscheres - also nach jüdischen Geboten reines - Pergament. «Mazeltov» («Viel Glück»), sagte Yaacobov, nachdem er den letzten Buchstaben mit ruhiger Hand geschrieben hatte. Rund 200 Menschen, darunter Vertreter von Kirche und Politik, aber auch Gemeindemitglieder und Interessierte, schauten ihm dabei zu.

Mit dem Schreiben begonnen hatte der «Sofer», wie die speziell ausgebildeten Tora-Schreiber genannt werden, vor rund zwei Jahren in der Neuen Synagoge in Erfurt. Seitdem arbeitete er an unterschiedlichen Orten in ganz Thüringen öffentlich an dem Projekt und informierte über das Projekt.

Die Tora umfasst die fünf Bücher Mose. Sie ist der wichtigste Teil der hebräischen Bibel und bildet die Grundlage der jüdischen Religion. In jüdischen Gottesdiensten wird aus ihr gelesen. 613 Ge- und Verbote finden sich darin - auch die für Christen wichtigen Zehn Gebote gehören dazu.

Die neue Tora-Rolle ist ein gemeinsames Geschenk der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und des katholischen Bistums Erfurt. Der Abschluss des Projekts im Themenjahr «900 Jahrhunderte Jüdisches Leben in Thüringen» war dem evangelischen Landesbischof Friedrich Kramer und dem Bischof des katholischen Bistums, Ulrich Neymeyr, zufolge ein «starkes sichtbares Zeichen der Verbundenheit und der Solidarität von Juden und Christen».

Die Tora sei sowohl für Juden als auch für Christen eine heilige Schrift, sagte Neymeyr. «Jüdinnen und Juden sind unsere älteren Geschwister im Glauben.» Das wolle man mit der Übergabe zum Ausdruck bringen. «Angesichts der Jahrhunderte währenden Schuldgeschichte der Kirchen gegenüber dem jüdischen Volk ist es nicht selbstverständlich, heute so zusammen zu stehen. Wir danken deshalb der Jüdischen Landesgemeinde, unsere Umkehr und unser Bekenntnis zur Schuld anzunehmen», sagte Kramer.

Die neue Tora sei nicht nur ein großes, sondern auch ein sehr willkommenes Geschenk in seiner Gemeinde, sagte Gemeinderabbiner Alexander Nachama. Sie werde in ihrem neuen zu Hause in der Neuen Synagoge in Erfurt dringend gebraucht. Die Rolle werde in Zukunft in den Gottesdiensten der Gemeinde genutzt und direkt am Schabbat am Samstag für die öffentliche Lesung eingesetzt, so Nachama. Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen zählt etwa 700 Mitglieder.

Nachdem sie zuvor unter anderem in einem Cabrio-Straßenbahnwagen mit Musik und Ehrengästen durch die Stadt gefahren worden war, wurde die neue Rolle am Abend in einer feierlichen Zeremonie in den Tora-Schrein der Erfurter Synagoge eingebracht. Neben Rabbiner Nachama, der die Zermonie durchführte, waren auch Sofer und Rabbiner Yaacobov sowie die Bischofe Neymeyr und Kramer dabei.

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