1400 Menschen bei Protestdemo gegen Neonazi-Aufzug in Weimar

08.08.2021 Die Mehrheitsverhältnisse bei einem rechtsextremen Aufmarsch in Weimar am Samstag waren eindeutig: 120 Rechtsextremen standen mehr als zehnmal so viele Gegendemonstranten gegenüber. Trotz einiger Rangeleien spricht die Polizei von einem friedlichen Verlauf.

Polizisten stehen am Rand einer Demonstration. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Bei Protesten gegen einen angemeldeten Aufzug der rechtsextremen Szene in Weimar sind am Samstag nach Polizeiangaben rund 1400 Menschen auf die Straße gegangen. Sie zogen in einer Demonstration durch Teile der Innenstadt. Ein Aktionsbündnis hatte dazu aufgerufen, es zählte 2000 Protestierende. Am rechten Aufmarsch, der bis zum frühen Nachmittag dauerte, beteiligten sich nach Angaben eines Polizeisprechers rund 120 Teilnehmer - dies entsprach etwa den bei der Anmeldung der Versammlung angegebenen Zahlen. Weil sowohl die rechte Szene als auch das Aktionsbündnis im Internet ihre Anhänger bundesweit mobilisiert hatten, waren Stadt und Polizei auf deutlich mehr Teilnehmer auf beiden Seiten eingestellt.

Ein Großaufgebot der Polizei war in Weimar im Einsatz. Zu sehen waren auch Einsatzkräfte aus anderen Bundesländern wie Bayern und Niedersachsen und der Bundespolizei, die Bahnreisende kontrollierten. Sie zählten laut einer Mitteilung knapp 300 Reisende des linken und bürgerlichen Spektrums sowie 90 Reisende aus der rechten Szene.

Während der Protestdemonstration kam es zu Rangeleien zwischen Demonstranten und Polizisten. Die Polizei sprach von mehreren Versuchen durch Gegendemonstranten, auf die Aufzugsstrecke der Rechten zu gelangen. Dabei seien auch etwa 25 Beamte aus Niedersachsen angegriffen worden, berichtete sie auf Twitter. Zeitweise fuhr die Polizei einen Wasserwerfer in einer Entfernung von etwa 20 Metern vor den Gegendemonstranten auf, nachdem diese Pyrotechnik gezündet hatten. Die Einsatzkräfte setzten auch Pfefferspray und Schlagstöcke gegen Protestierende ein. Laut Polizei wurden vier Beamte und auch einige Demonstranten leicht verletzt.

Teilweise hätten Gegendemonstranten auch gegen das Vermummungsverbot verstoßen. Es habe Anzeigen wegen Landfriedensbruchs, Sachbeschädigung, Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte sowie wegen Ordnungswidrigkeiten gegeben. Die Polizei sprach abschließend aber von einem friedlichen und weitgehend störungsfreien Verlauf aller Versammlungen. Nach Ansicht der Sprecherin der Thüringer Bündnisse gegen Rechtsextremismus, Diana Hennig ist die Polizei teils unverhältnismäßig hart gegen einzelne Demonstranten vorgegangen, die Absperrungen überwinden wollten.

Ein Sprecher der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen (Mobit) zeigte sich erfreut, dass so viele Menschen aus verschiedenen Städten und Regionen in Deutschland gegen den Aufmarsch der Neonazi-Szene auf den Beinen waren. Dies sei in Thüringen erstmals seit Beginn der Pandemie bei Protesten gegen Rechtsextreme oder die «Querdenker»-Bewegung gegen die Corona-Politik der Fall gewesen, meinte ein Mobit-Sprecher in Weimar. Die Gegendemonstranten waren unter anderem auch aus Leipzig, Halle und Berlin nach Weimar gekommen. Die Linke-Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss nannte dies ein «großes, starkes, antifaschistisches Signal».

Andererseits sei der Versuch der rechtsextremen Szene, auch eine größere Zahl von «Querdenkern» zu mobilisieren, augenscheinlich nicht gelungen, so der Mobit-Sprecher. Es seien ausschließlich «klassische» Rechtsextreme vor Ort gewesen.

Bereits am Freitagabend waren nach Polizeiangaben etwa 150 Menschen zu einer friedlichen Demonstration gegen den Aufmarsch der Rechtsextremen gekommen.

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