Magdeburger Uni-Rektor will Freiversuche wieder abschaffen

14.03.2021 Universität bedeutet Lehren, Lernen und Miteinander. Seit einem Jahr läuft vieles digital, Studierende sind gar nicht auf dem Campus. Was das bedeutet und welche Probleme und Diskussionen es gibt, schildert ein Rektor.

Jens Strackeljan steht in der Uni-Bibliothek. Foto: Peter Gercke/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Aufgezeichnete Vorlesungen, digitale Prüfungen und kleine Begegnungsmöglichkeiten: Ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie plädiert der Magdeburger Uni-Rektor Jens Strackeljan für einen Weg in eine Art Normalität mit Corona. «Die Prüfungen haben erstaunlich gut geklappt. Die Notengebung im Sommersemester unterscheidet sich nicht nennenswert vom Vorjahr und das Angebot des Freiversuches war vernünftig.» Dass eine Fünf in einem Freiversuch nicht zählt und der Prüfling noch mal antreten kann, sollte aber wieder abgeschafft werden.

«Diese Möglichkeit des Freiversuchs würden wir gern zurücknehmen, weil sich sowohl die Studierenden als auch die Prüfenden nun auf alternative Formate eingestellt haben und Anfangsproblem überwunden sein sollten. Dass dies kontrovers diskutiert wird, liegt auf der Hand», sagte Strackeljan der Deutschen Presse-Agentur in Magdeburg. Sein Amtskollege von der Martin-Luther-Universität (MLU) Halle, Christian Tietje, sagte: «Wir können nicht ein System von unbegrenzten Freiprüfungen einführen.» Deshalb verzichte die MLU ab dem Sommersemester darauf, diese Regelung fortzuführen

«Die Ausnahmesituation um uns herum hat sich nicht aufgelöst, aber wir haben gelernt, damit umzugehen. Sie gilt darüber hinaus auch nicht exklusiv für die Studierenden», sagte Strackeljan. «Wir wissen gar nicht, wie wir künftig «Normalität» definieren müssen. Aber sie kann nicht daraus bestehen, dass man Prüfungen an einer Hochschule beliebig oft wiederholen kann. Wir würden diesen Freiversuch also ganz konkret gern im Prüfungszeitraum Juli bis September wieder aus den Sonderregelungen herausnehmen.»

Praktisch alle Prüfungen im Wintersemester seien digital durchgeführt worden, das habe auch recht gut funktioniert. Allerdings: «Wir haben leider in wenigen Klausuren auch Täuschungsversuche feststellen müssen.» Es seien offensichtlich Personen im Umfeld der Studierenden gesucht worden, die die Aufgaben anstelle des Prüflings beantworten. Unter anderem sei das dadurch aufgefallen, weil Lösungswege vor dem Versenden falsch abgeschrieben wurden: «Wir haben jetzt in einem Fall zig Klausuren mit einem Lösungsweg, der identische Fehler aufweist, aber zum richtigen Ergebnis führt. Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass alle den gleichen Fehler gemacht haben», sagte Strackeljan.

Vor den digitalen Prüfungen hätten nun alle eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass sie die Leistung selbst erbringen. «Die Studierenden sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Gleichzeitig gab es diese Prüfungsform sowohl für Lehrende als auch für Prüfende das erste Mal. Nichtsdestotrotz müssen wir das sanktionieren und die Prüfung ist nicht bestanden. Es ist gegenüber denjenigen, die nur die erlaubten Hilfsmittel nutzen, hochgradig unfair.»

Laut Strackeljan ist die Universität Magdeburg kein Einzelfall, was derartige Betrugsversuche betrifft. «Die allermeisten Prüferinnen und Prüfer merken, dass gemogelt wurde, weil sie Aufgabengruppen A, B, C vergeben haben und es werden Antworten aus der Gruppe A für Fragen aus Gruppe C abgegeben. Diese Erfahrungen haben viele Hochschulen in Deutschland gemacht.» Halles Uni-Rektor Tietje sagte auf die Frage, ob es auch in Halle Täuschungsversuche gegeben habe: «Es ist nichts bekannt, wir haben nur positive Rückmeldungen.»

Mit der Welt der Video-Vorlesungen und Zoom-Konferenzen kämen die Studierenden unterschiedlich gut zurecht, sagte Strackeljan. Die Vermittlung von Fachinhalten funktioniere zwar erstaunlich gut, das zeigten auch die Noten. Allerdings deute sich eine Veränderung an: Viele Kollegen hätten festgestellt, dass sich die klassische Normalverteilung spalte. Es gebe «richtig Gute», die möglicherweise von Videos, die man sich mehrfach ansehen könne, noch mal profitiert und sich weiter verbessert hätten. Andere wiederum andere hätten resigniert in der «Video-Welt».

Mit Schnelltests, mehr Präsenzveranstaltungen im Sommer und Lerneffekten auf allen Seiten sieht Strackeljan einen möglichen Weg an den Universitäten. «Ich glaube, wir haben jetzt noch einmal den vor uns liegenden Sommer als Chance für die, die im April oder Oktober angefangen haben.» Die Vorlesungen blieben weitgehend digital. «Wir werden auch im Sommersemester nicht 80 bis 100 Personen in einen Hörsaal stecken.» Die Uni plant aber etwa kleine Inseln in einer Art «grünen Zone» auf dem Uni-Gelände, wo kleine Gruppen zusammenkommen könnten. Es müsse in gewissem Rahmen wieder persönliche Begegnung geben.

Grundsätzlich hatte es landesweit ein deutliches Minus von rund 40 Prozent bei den Studienanfängern im Sommersemester 2020 gegeben. Das Wintersemester habe das nicht wieder wettmachen können, denn viele Internationale konnten nicht einreisen, sagte Strackeljan, der gleichzeitig Präsident der Landesrektorenkonferenz Sachsen-Anhalts ist. «Am Ende führt das dazu, dass sich 2020 in Sachsen-Anhalt 900 Studierende weniger immatrikuliert haben als mit dem Bund vereinbart.» So niedrig wie die Gesamtzahl von rund 9000 hätten die Zahlen in den vorangegangen Jahren nie gelegen.

Das habe deutliche finanzielle Auswirkungen. «Es sind fast zehn Millionen Euro, die den Hochschulen in den nächsten drei Jahresscheiben weniger zur Verfügung stehen. Das ist für das gesamte Land schon schmerzhaft», sagte der Uni-Rektor weiter.

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