Kerzen für NSU-Mordopfer: Pläne für Doku-Zentrum

04.11.2021 In Zwickau haben die NSU-Terroristen jahrelang unentdeckt gelebt, zogen von dort mordend durchs Land. Zehn Jahre nach Auffliegen der Terrorzelle wurde in der Stadt der Opfer gedacht.

„Opfer des NSU“ ist auf einer Gedenkplatte für die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zu lesen. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mit Kerzen, Musik und Gebet ist im Zwickauer Dom an die Opfer des rechtsterroristischen NSU erinnert worden. Sachsens Justizministerin Katja Meier (Grüne) mahnte, bei der Auseinandersetzung mit rassistischer Gewalt nicht nachzulassen. Jeder sei in der Pflicht, wachsam zu sein und eigene Vorurteile zu hinterfragen. Zwickaus Oberbürgermeisterin Constance Arndt (parteilos) betonte, der Geist des Rechtsextremismus sei nicht mit dem Auffliegen der Terrorzelle verschwunden. Die bisherige Aufarbeitung und Erinnerung reiche nicht, sagte Arndt: «Weil wir es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig sind.»

In der Gedenkstunde wurden die Namen der zehn Mordopfer verlesen und für jeden eine Kerze entzündet: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Später zogen die Teilnehmer zum Gedenkort im Schwanenteichpark, wo für jedes Opfer ein Baum gepflanzt ist. Dort wurden Kerzen und Blumen niedergelegt.

Aus Sicht von Sachsens Vize-Ministerpräsident Wolfram Günther (Grüne) bleibt rechtsextremer Terror eine große Herausforderung im Freistaat. «Der Rückzugsort der NSU-Terroristen hieß nicht ohne Grund Sachsen», erklärte er. «Das Versagen der Ermittlungsbehörden damals schmerzt und beschämt.» Die Aufgabe, die Unterstützernetzwerke des NSU in Sachsen zu ermitteln, sei nicht abgeschlossen.

CDU, Grüne und SPD wollen laut Koalitionsvertrag die Errichtung eines Erinnerungsortes sowie eines Dokumentationszentrums für die NSU-Opfer unterstützen. Die Pläne für ein solches Dokumentationszentrum werden nun forciert - am Donnerstag hat Justizministerin Meier in Zwickau einen Förderbescheid über 95.000 Euro an den Verein Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Sachsen) übergeben. Mit dem Geld soll in einer ersten Phase ein Konzept für ein solches Zentrum erarbeitet werden. Wo genau es letztlich entstehen wird, sei noch offen, hieß es.

Es solle ein lebendiger Ort werden, an dem Bildungsarbeit und demokratischer Austausch stattfinde, Standpunkte diskutiert sowie Ideen entwickelt und umgesetzt würden, erklärte Meier. «Die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex ist von nationaler Tragweite», betonte sie. Ziel sei es, gegen Rassismus vorzugehen und aktiv die Demokratie zu stärken. «Das Erinnern ist eine zentrale Voraussetzung, um Extremismus in Zukunft stark entgegentreten zu können. Und das geplante Dokumentationszentrum wird uns dem «Nie wieder!» ein großes Stück näherbringen.»

Am Donnerstag vor zehn Jahren war die rechtsextreme Terrorzelle NSU aufgeflogen. Nach dem Suizid von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach einem Banküberfall am 4. November 2011 in Eisenach hatte Beate Zschäpe die gemeinsame Wohnung in Zwickau angezündet. Dort hatte das Terrortrio jahrelang unentdeckt gelebt. Es ist für zehn Morde und weitere Straftaten verantwortlich; Zschäpe wurde deswegen zu lebenslanger Haft verurteilt.

In Zwickau wird seit zwei Jahren im Schwanenteichpark an die Mordopfer des NSU erinnert: acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer sowie eine Polizistin. Dagegen gehört Chemnitz bundesweit zu den wenigen Städten mit NSU-Bezug, wo es bisher keinen Gedenkort gibt. In der Stadt hatte das Trio nach der Flucht aus Jena zunächst mit Hilfe von Unterstützern Ende der 1990er Jahre Zuflucht gefunden und sich mit Raubüberfällen in der Region Geld beschafft. Erst später war es nach Zwickau weitergezogen.

© dpa-infocom GmbH

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