Erste Gemeinschaftsschule in Sachsen: Weiteres Interesse

11.08.2021 Viele Jahre wurde erbittert um Gemeinschaftsschulen im Freistaat gestritten - zum neuen Schuljahr werden nun die ersten Modelle umgesetzt. Für Eltern und Kinder entfällt damit die oft quälende Frage, wie es nach der vierten Klasse weitergeht.

Ein bunter Container steht auf einer freien Fläche im Plattenbaugebiet Grünau in Leipzig. Hier soll zukünftig der Campus für die erste Gemeinschaftsschule in Sachsen entstehen. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Ein bunt angemalter Container auf der grünen Wiese: Im Leipziger Stadtteil Grünau geht im neuen Schuljahr Sachsens erste Gemeinschaftsschule an den Start - die Leipziger Modellschule. Der bunte Container ist Anlaufstelle und Ort für Projekte, später soll auf dem Gelände der Bildungscampus der Gemeinschaftsschule entstehen. Ab September lernen zunächst in angemieteten Räumen 50 Mädchen und Jungen klassenübergreifend von der ersten bis zur dritten und von der vierten bis zur sechsten Klasse. «Damit entfällt in der vierten Klasse die Entscheidung, welche weiterführende Schule das Kind besucht», sagt Schulleiterin Birgit Kilian.

Vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur - sämtliche Abschlüsse können künftig an der Modellschule abgelegt werden. Je nach Potenzial und Leistungsstand lernen die Kinder zwar gemeinsam, aber mit verschiedenen Aufgaben. «Das kann auch von Fach zu Fach unterschiedlich sein», erklärt Kilian. So könnten die Kinder beispielsweise im Fach Deutsch auf Gymnasialniveau lernen, Mathematik auf dem Niveau der Oberschule. In der neunten Klasse werde dann gemeinsam mit den Eltern beraten, welcher Abschluss zum Kind passt.

Das hauseigene Motto «Gute Bildung für alle» lasse sich als Gemeinschaftsschule viel besser umsetzen, betonte Initiatorin und Vereinsvorsitzende Gerlind Große. «Deshalb freuen wir uns unheimlich, dass wir diesen Weg gehen können.» Dieser sei lang und herausfordernd gewesen. Der freie Träger hatte Ende Juli nach Angaben des Kultusministeriums die Genehmigung für das neue Schuljahr bekommen. Zudem wird die freie Oberschule in Großnaundorf (Landkreis Bautzen) zu einer «Oberschule Plus», die künftig in Kooperation mit einer Grundschule längeres gemeinsames Lernen von der ersten bis zur zehnten Klasse erlaubt. Auch die Kurfürst-Moritz-Schule in Boxberg sowie die Dresdner Universitätsschule haben bereits Interesse bekundet.

Vor gut einem Jahr hatte der Sächsische Landtag für ein neues Schulgesetz und damit die Gemeinschaftsschule gestimmt - unter Auflagen. Der Einigung ging ein jahrelanger erbitterter Streit voraus: Grüne, SPD und Linke befürworteten die Gemeinschaftsschule, die CDU lehnte sie ab. Die Kenia-Koalition verständigte sich schließlich auf eine Einführung. Vorangegangen war ein Volksantrag, den mehr als 50.000 Menschen unterschrieben. Auf Druck der CDU wurden allerdings für die Umsetzung Hürden eingebaut, die nach Expertenansicht längeres gemeinsames Lernen erschweren. So muss es an den Schulen etwa eine Mindestanzahl von Schülern geben.

Aus Sicht der Linken im Landtag ist es kein Zufall, dass bisher nur zwei freie Schulen nach den neuen Modellen arbeiten. Es gebe zuviel Bürokratie, als dass sich die neue Schulart gleichberechtigt und vor allem zügig entwickeln könne, kritisierte die Abgeordnete Luise Neuhaus-Wartenberg. Nur «extrem wenige Eltern und Schulkinder» könnten sich aktuell für längeres gemeinsames Lernen entscheiden.

«Gemeinschaftsschule zu werden, ist kein einfacher Namenswechsel», betonte Sabine Friedel von der SPD-Fraktion. Die Schulen müssten ein neues pädagogisches Konzept entwickeln, verschiedene Gremien müssten zustimmen. Das brauche Zeit. Auch einige staatliche Schulen stünden in den Startlöchern, so Friedel. «Wenn es gelingt, innerhalb der Legislaturperiode eine zweistellige Anzahl Gemeinschaftsschulen zu errichten, ist viel geschafft.»

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) geht davon aus, dass es im Schuljahr 2022/23 die ersten öffentlichen Gemeinschaftsschulen im Freistaat gibt. «Wir haben durchaus die ein oder andere Anfrage, die sich mit dem Gedanken tragen und wissen wollen, worauf sie achten müssen.» Mittlerweile wurde eine entsprechende Schulordnung erarbeitet und veröffentlicht. Damit hätten diejenigen, die sich auf den Weg zur Gemeinschaftsschule oder Oberschule Plus machen, auch einen Fahrplan. «Ich halte es für ein gutes Zeichen, dass wir nicht hauruckmäßig zahlreiche Schulen haben», betonte Piwarz. Das zeige, dass die Gemeinschaftsschule auf «pädagogisch hohem Niveau» und mit fundierten Konzepten vorbereitet werde.

Der Verein «Gemeinsam länger lernen» berät Schulen, die zur Gemeinschaftsschule werden wollen. «Das Interesse ist da», so Vorsitzender Florian Berndt. Das Problem seien die aus Sicht des Vereins zu hohen Hürden wie die Vierzügigkeit. «Viele Schulen haben nicht so viele Klassen.» Gerade im ländlichen Raum sei längeres gemeinsames Lernen damit schwierig.

Auch vom am 1. August 2021 veröffentlichten Schulgesetz zeigte sich der Verein enttäuscht. Dieses sieht vor, dass ab der siebten Klasse etwa in den Fächern Deutsch, Mathe und Physik je nach Leistung und Abschluss unterrichtet wird - wenn auch gemeinsam in einer Klasse. Für die Schulen sei es eine Herausforderung, für jedes Fach nach Unterricht und Klassenstufe verschiedene Aufgaben zu stellen, so Berndt. Der Verein hatte sich für eine Differenzierung je nach Abschluss erst ab der neunten Klasse eingesetzt. «Damit wirklich länger gemeinsames Lernen möglich ist.»

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