Barmer: Kinder brauchen vermehrt psychotherapeutische Hilfe

14.04.2021 Die Zahl der psychotherapeutisch behandelten Kinder und Jugendlichen in Sachsen hat sich laut Krankenkasse Barmer in zehn Jahren mehr als verdoppelt. Im Jahr 2019 benötigten mehr als 36 000 Kinder und Jugendliche Hilfe wegen schwerer Belastungen, Angststörungen und Depressionen, zehn Jahre zuvor waren es knapp 15 000, wie aus dem am Mittwoch in Dresden vorgestellten Arztreport der Barmer hervorgeht. Sie hatte als Grundlage die Daten von bundesweit mehr als 1,6 Millionen jungen Menschen, in Sachsen waren es 50 000, ausgewertet und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

Ein Schild einer Praxis für Psychotherapie. Foto: Jens Wolf/zb/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Corona-Pandemie habe die Situation noch ein Stück weit verschärft, sagte der Landesgeschäftsführer der Barmer, Fabian Magerl. Allein im ersten Halbjahr 2020 stieg die Zahl der unter 25-Jährigen mit Psychotherapie gegenüber 2019 um fast sechs Prozent.

Seit dem zweiten Lockdown im November 2020 seien die Anfragen zu einem Erstgespräch um mehr als 40 Prozent angestiegen, betonte die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Cornelia Metge. Isolation, Probleme mit der veränderten Schulstruktur und familiäre Konflikte stünden im Vordergrund.

Entwicklungsbedingt komme es bei Kindern häufig zu Veränderungen im
Verhalten, erklärte Metge, die auch Vorsitzende des Ausschusses der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) ist. «Wenn Eltern diese Veränderungen jedoch als sehr dramatisch wahrnehmen oder plötzlich feststellen, sollten sie hellhörig werden.» Verstärkter Rückzug, plötzlich auftretendes trotziges oder aggressives Verhalten, ein veränderter Antrieb, neu auftretende Ängste, ein veränderter Schlafrhythmus oder starke Wandlungen im Essverhalten könnten Hinweise auf das Vorliegen einer psychischen Erkrankung sein. Dann sei der Rat eines Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten einzuholen.

Nach Angaben der Barmer ist die Anzahl der Psychotherapeuten, die
speziell Heranwachsende betreuen, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2013 kümmerten sich in Sachsen etwa 940 Therapeuten um die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, 2019 waren es bereits rund 1270. Nach einer Umfrage der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer hatten im März 2021 jedoch nur vier Prozent der Psychotherapeuten überhaupt noch Kapazitäten für eine Richtlinientherapie, 80 Prozent hatten angegeben, dass sie völlig ausgelastet seien. Erstgespräche zur Einschätzung seien aber zumeist kurzfristig möglich, erklärte Metge.

© dpa-infocom GmbH

Weitere News