Todeszahl in Rheinland-Pfalz steigt auf knapp 100

17.07.2021 Die Wassermassen gehen zurück, doch vor Ort wird weiter vor den Gefahren gewarnt. Nur nach und nach wird das Ausmaß der Katastrophe deutlich. Im besonders betroffenen Raum Ahrweiler steigt die Zahl der Toten weiter. Dort will sich Kanzlerin Merkel bald ein Bild machen.

Trümmer liegen in der Gemeinde Schuld am Tag nach der Hochwasserkatastrophe. Foto: Thomas Frey/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Nach der Hochwasserkatastrophe ist die Zahl der bestätigten Todesopfer in Rheinland-Pfalz auf 98 gestiegen. «Es ist zu befürchten, dass noch weitere Todesopfer hinzukommen», sagte ein Sprecher der Polizei in Koblenz am späten Samstagnachmittag. «Wenn Sie die Bilder sehen, wie es da aussieht, kann man nicht ausschließen, dass noch weitere Leichen gefunden werden». Zudem waren der Polizei 670 verletzte Personen im Kreis Ahrweiler bekannt. Auch mehr als zwei Tage nach dem Unglück werden noch Menschen vermisst. Über die genaue Zahl konnte der Sprecher keine Angaben machen.

Die Lage in den überfluteten Gebieten sei noch immer sehr angespannt, teilte die Kreisverwaltung am Samstag mit. Rund 1300 Einsatzkräfte aus ganz Deutschland würden vor Ort helfen. Der Schwerpunkt der Katastrophe liegt in Rheinland-Pfalz im Kreis Ahrweiler.

Am Sonntag wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die vom Hochwasser betroffenen Gebiete besuchen, um sich ein Bild zu machen. Merkel werde sich in der Eifelgemeinde Schuld, die besonders schwer von der Unwetterkatastrophe getroffen wurde, ein Bild von der Lage machen. Im Anschluss (14.30 Uhr) ist ein Pressestatement in Adenau geplant - gemeinsam mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und weiteren rheinland-pfälzischen Ministern.

Die Polizei warnte unterdessen wegen der zerstörten regionalen Infrastruktur vor den Gefahren freiliegender Stromleitungen. «Unter Umständen können Stromleitungen auch noch aus mehreren Metern auch ohne direkten Kontakt lebensgefährlich sein», teilten die Beamten mit. Zudem warnte die Polizei vor Falschmeldungen: So gebe es «keine Flutwelle oder Dammbruch in Sinzig, Ahrweiler oder Umgebung», hieß es in einer Mitteilung am Samstagnachmittag.

Die Kreisverwaltung wies zudem darauf hin, dass die Polizeipräsenz aus Angst vor Plünderungen und wegen Hochwassertouristen erhöht werde. Laut dem Landesfeuerwehrverband gingen aber auch Abertausende von Sachspenden zur Linderung der Not ein: «Die Hilfsbereitschaft aus Rheinland-Pfalz und anderen Bundesländern ist überwältigend», sagte ein Sprecher.

Derweil rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu anhaltender Hilfe für die Opfer der Flutkatastrophe auf. «Die Unterstützungsbereitschaft, sie muss anhalten, im Großen wie im Kleinen», sagte er am Samstag bei einem Besuch im nordrhein-westfälischen Katastrophengebiet an der Erft.

In dem vom Hochwasser ebenfalls massiv betroffenen Trierer Stadtteil Ehrang sind nach der Flut die Aufräumarbeiten in vollem Gang. «Da stapeln sich die Berge von Sperrmüll», sagte ein Stadtsprecher. Erste Anwohner gingen zurück in die Häuser. «Wer da geschlafen hat, hatte kein Wasser und keinen Strom.» Betroffen sind der Stadt zufolge 670 Häuser, bei denen im Keller und Erdgeschoss fast alles zerstört wurde. Nach Einschätzung der Behörden können die ersten Bewohner aber wieder in ihre Wohnungen zurückkehren.

In vielen Ortschaften sei weiterhin das Strom- und Telefonnetz ausgefallen. Angehörige, Freunde oder Bekannte, die jemanden vermissen, können sich unter der Rufnummer 0800-6565651 bei der Polizei melden. Die Hotline sei rund um die Uhr erreichbar und nehme jeden Hinweis entgegen.

Die Polizei war auch in der Nacht nach Angaben des Präsidiums in den betroffenen Orten im Einsatz. Durch das Unwetter seien viele Straßen im Ahrtal weiterhin gesperrt oder nicht mehr befahrbar. Es wird gebeten, das Ahrtal weiträumig zu umfahren. Rettungswege müssten für Rettungskräfte frei gehalten werden, hieß es.

Die Wetterlage hat sich inzwischen entspannt. Es bleibt aber wechselhaft, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. Daher könne es auch weiter zu örtlichen Gewittern mit Starkregen kommen.

Die Hochwasserkatastrophe hat nach Ansicht von Ministerpräsidentin Dreyer schwere Versäumnisse beim Klimaschutz in Deutschland offengelegt. «In den vergangenen Jahren haben wir in Deutschland vieles nicht umgesetzt, was notwendig gewesen wäre», sagte die Mainzer Regierungschefin den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag).

Die Landesregierung hat unterdessen die Einrichtung einer Stabsstelle Wiederaufbau beschlossen. Die Bundesregierung will in der kommenden Woche über Aufbauhilfen für Bürger und Kommunen in den Überschwemmungsgebieten entscheiden.

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