Hochwasserkatastrophe: Mindestens 28 Tote in Rheinland-Pfalz

15.07.2021 Durch Starkregen verursachtes Hochwasser löst in einigen Regionen eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes aus. Unter den vielen Opfern sind auch Bewohner einer Behinderteneinrichtung.

Ein Baggerfahrer beginnt mit Aufräumarbeiten in dem Ort im Kreis Ahrweiler. Foto: Thomas Frey/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Bei verheerenden Unwettern in Rheinland-Pfalz sind mindestens 28 Menschen ums Leben gekommen. Innenminister Roger Lewentz (SPD) sagte am Donnerstagabend im SWR Fernsehen, nach bereits 19 bestätigten Todesfällen habe sich die Zahl der Toten um weitere neun erhöht. Dabei handelt es sich um Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Sinzig, wie eine Ministeriumssprecherin bestätigte. Die Fluten seien schneller gekommen, als die Menschen hätten in Sicherheit gebracht werden können. Der Einsatz an der Einrichtung lief am Abend noch.

Zuvor hatte Lewentz deutlich gemacht, dass angesichts der großen Zahl von rund 40 bis 60 weiterhin vermissten Menschen in der betroffenen Region auch weitere Opfer zu befürchten seien. Ein stundenlanger Starkregen hatte in mehreren Regionen Flüsse über die Ufer treten lassen. Besonders hart getroffen wurde der Landkreis Bad Neuenahr-Ahrweiler. Im 700-Einwohner-Ort Schuld bei Adenau wurde die Ahr zum reißenden Fluss und zerstörte mehrere Häuser. Dutzende Menschen wurden am Donnerstagnachmittag noch vermisst - es war unklar, ob sie sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.

Lewentz sagte: «Wenn Menschen über so viele Stunden vermisst sind und man natürlich überall um die Katastrophe weiß, dann sind es einige, die sich aus welchen Gründen auch immer - hier muss man das Schlimmste denken - nicht zurückgemeldet haben, so dass die Nacht, die nächsten Tage möglicherweise auch diese Zahl noch einmal nach oben schnellen lässt.»

Zahlreiche Hubschrauber waren in der Region im Einsatz, um Menschen von Häusern und aus Bäumen zu retten - dorthin hatten sie sich vor den Wassermassen in Sicherheit gebracht. Auch in anderen Landesteilen war die Situation teilweise dramatisch. Erheblich betroffen sind ebenfalls die Landkreise Bitburg-Prüm, Vulkaneifel und Trier-Saarburg. Vielfach mussten Kitas und Schulen geschlossen bleiben, Strom und Mobilfunknetze fielen vielerorts aus.

«So eine Katastrophe haben wir noch nicht gesehen», sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) zu Beginn einer Landtagssitzung, die unter dem Eindruck der Ereignisse vorzeitig beendet wurde. «Es ist wirklich verheerend.» Ganze Orte seien überflutet, Häuser einfach weggeschwemmt worden. Wie teuer der Hochwasserschaden ist, war am Donnerstag noch gar nicht absehbar.

Nach Angaben der Landesregierung wird eine kurzfristige Unterstützung von 50 Millionen Euro bereitgestellt. Damit sollen Schäden der öffentlichen Infrastruktur behoben werden, also etwa an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken, wie die Landesregierung auf Twitter mitteilte. Die Schäden in Kommunen seien immens, erklärte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und fügte hinzu, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) Unterstützung vom Bund zugesagt hätten.

Im Dorf Schuld an der Ahr mit rund 700 Einwohnern stürzten sechs Häuser ein, etwa 40 Prozent der weiteren Wohngebäude wurden beschädigt, wie der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Adenau, Guido Nisius (CDU), mitteilte. In Insul standen nach seinen Angaben etwa 30 Prozent der Häuser unter Wasser. Etliche Ahr-Brücken wurden zerstört - Rettungskräfte mussten daher weite Umwege fahren. «Das ist der schlimmste Katastrophenfall, den ich erlebt habe», sagte Nisius.

«Das hängt mit dem Klimawandel zusammen und mit den Eingriffen des Menschen», so der Bürgermeister. Wenn Bäche begradigt und ihrer natürlichen Überschwemmungsflächen beraubt würden, brauche sich niemand mehr über solche Katastrophen zu wundern. Bei den Unwettern fielen am Mittwoch und in der folgenden Nacht bis zu 148 Liter Regen pro Quadratmeter, wie das Klimaschutzministerium in Mainz mitteilte.

Die Fluten schnitten mehrere Orte von der Außenwelt ab. Etwa 50 Menschen wurden von Hausdächern gerettet, auf denen sie Zuflucht gesucht hatten. Der Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU) sagte: «Das ist ohne Zweifel die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg in dem Kreis.» In einer nie geahnten Dimension seien Wassermassen über die Ortschaften hereingebrochen. «Die Folgen sind verheerend.»

Auch in Trier wurde eine größere Rettungsaktion notwendig - der Stadtteil Ehrang musste zu großen Teilen evakuiert werden, weil die Kyll, ein Nebenfluss der Mosel, überlief. Auch ein Krankenhaus war betroffen. Im gesamten Landkreis Trier-Saarburg richteten die Wassermassen immense Schäden an. Hunderte Häuser seien in Mitleidenschaft gezogen worden, sagte ein Sprecher des Landkreises am Donnerstagabend in Konz. Die Schäden reichten von vollgelaufenen Kellern bis hin zu Totalschäden an Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden wie beispielsweise einer Kläranlage.

Ein weiterer Schwerpunkt war die Gemeinde Kordel am Mosel-Nebenfluss Kyll: Dort wurden wegen des Hochwassers mehrere hundert Menschen mit Booten in Sicherheit gebracht. Wegen überschwemmter Zufahrtswege war der Ort mit 2000 Einwohnern abgeschnitten. Zudem seien vier bis fünf Orte in der Südeifel am Mosel-Zufluss Sauer teils überspült worden, wie der Kreissprecher sagte. «Unter den Umständen ist es fast schon ein Wunder, dass es keine Verletzten und Toten gab.»

Im Eifelkreis Bitburg-Prüm waren wegen der Überflutungen mehrere Menschen in ihren Häusern von den Wassermassen eingeschlossen und mussten gerettet werden, unter anderem in Waxweiler.

Wegen der Hochwasserkatastrophe mussten zahlreiche Straßen in den betroffenen Regionen gesperrt werden. Es seien angesichts der Wassermassen Schäden an der Infrastruktur zu erwarten, teilte der Landesbetrieb Mobilität mit. «Bürgerinnen und Bürger sollten auf Autofahrten soweit wie möglich verzichten und bei notwendigen Fahrten die gefluteten Bereiche weiträumig umfahren.»

Auch der Bahnverkehr in Rheinland-Pfalz wurde durch die Unwetter erheblich beeinträchtigt. Im Fernverkehr war etwa die Strecke Köln-Koblenz über Bonn Hbf nicht befahrbar, wie die Deutsche Bahn mitteilte. Auch im Nahverkehr wurden Strecken gesperrt.

«Reisende müssen sich auch in den nächsten Tagen auf Verspätungen und Zugausfälle in NRW und Rheinland-Pfalz einstellen und werden gebeten, zu prüfen, ob Fahrten verschoben werden können», erklärte die Bahn.

In den vom Extremwetter betroffenen Regionen behielten für die kommenden Tage gebuchte Bahntickets ihre Gültigkeit oder könnten kostenlos storniert werden. Die Bahn richtete eine Hotline ein: 08000/996633.

In Trier bot das Jobcenter der Stadt vom Unwetter betroffenen Jobcenter-Kunden Soforthilfe an. Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim spendete 100 000 Euro zur Unterstützung von Flutopfern. Weitere Hilfe werde mit den zuständigen Behörden abgestimmt.

Die Bundeswehr schickte nach der Unwetterkatastrophe im Westen Deutschlands weitere Soldaten in den Hilfseinsatz. So helfen im Landkreis Ahrweiler 100 Soldaten. Sie nutzen fünf «tiefwatfähige Fahrzeuge», die also auch in überschwemmten Straßenzügen noch vorankommen, vier Radlader und zwei Rettungshubschrauber «SAR» der Bundeswehr. Insgesamt befanden sich nach Angaben der Bundeswehr dort elf Hubschrauber im Einsatz, auch um von den Fluten eingeschlossene Menschen zu retten.

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