Experte rechnet mit erneutem Anstieg der Corona-Zahlen

29.05.2021 Die Corona-Lage in Deutschland hat sich mittlerweile weiter entspannt. Dennoch könnten die Zahlen wieder hochgehen, meint ein Experte. Aber es werde nicht mehr so schlimm.

Thorsten Lehr, Saarbrücker Pharmazie-Professor. Foto: Iris Maria Maurer/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Trotz derzeit sinkender Corona-Zahlen sieht der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr noch keine komplette Entwarnung in der Pandemie. «Ich glaube schon, dass es noch eine Welle geben kann. Aber sie mag kleiner ausfallen. Und das Gesundheitssystem würde deutlich weniger belastet sein als in der dritten Welle», sagte der Experte für Corona-Prognosen der Deutschen Presse-Agentur in Saarbrücken.

Insgesamt sei man derzeit in Deutschland «auf einem sehr, sehr guten Weg»: Die Inzidenzen, die Todeszahlen und die Patientenzahlen in den Krankenhäusern gingen zurück. «Wir sehen den Erfolg der Impfungen», sagte er. Vor allem bei den vulnerablen Gruppen, die dem Risiko ausgesetzt sind, schwer zu erkranken. «Wenn wir noch mal einen Anstieg der Fallzahlen haben sollten, wird das Gesundheitssystem da deutlich besser rauskommen.»

Ob und wie stark die Zahlen noch mal hochgehen könnten, hinge von mehreren Faktoren ab. Zum einen von den Lockerungen: «Da ist die Frage: Haben wir ganz schnell wieder ganz viele Kontakte?» Punkt zwei: Der Reiseverkehr werde auch zu weiteren Fallzahlen führen. «Was passiert, wenn alle zurückkommen und natürlich auch Infektionen mitbringen?» Man dürfe nicht vergessen, dass die nicht-geimpfte Bevölkerung «ein großer Infektionspool» sei. Und dann gebe es noch «eine gewisse Gefahr», dass im Herbst die Impfbereitschaft sinke.

Im Moment übersteige die Impfbereitschaft das Impfangebot noch bei weiten. «Das wird sich aber irgendwann drehen», sagte Lehr. Wenn die Inzidenz so weit absinke, werde die Gefahr einer möglichen Infektion nicht mehr so stark wahrgenommen. Und wenn dann gleichzeitig auch für Nicht-Geimpfte die Normalität zurückkehre, gebe es weniger Gründe, sich impfen zu lassen. Zudem hätten die Menschen nach dem Sommer auch den Anreiz zum Impfen wegen des Urlaubs nicht mehr.

Eine sinkende Impfbereitschaft gelte es zu verhindern. «Wir brauchen viele Impfungen, das ist klar und wichtig», sagte er. Wenn 70 bis 80 Prozent geimpft seien, wäre das schon hilfreich. Er sei der Ansicht, dass die Bereitschaft bei Schülern und jungen Erwachsenen, sich impfen zu lassen, viel größer sei, als angenommen werde. «Auch sie wollen eine gewisse Normalität zurückgewinnen.»

Die Inzidenz niedrig zu halten, sei auch angesichts weiterer neuer Corona-Varianten wichtig. «Wir werden noch andere Mutanten sehen», sagte Lehr. Auch die Entwicklung der indischen Variante müsse weiter genau beobachtet werden. «Sie scheint schon eine höhere Infektiosität zu haben.»

Auch wenn Reisen diesen Sommer wieder möglich seien: «Wir werden bestimmt noch einen anderen Sommer erleben als vor der Pandemie», sagte der Professor. Es würden noch die Abstands- und Hygieneregeln gelten. «Und Bars und Diskotheken werden auch noch nicht so wieder geöffnet sein.» Aber: «Wir werden uns erholen können.»

Der Professor für Klinische Pharmazie an der Uni des Saarlandes hat mit seinem Forscherteam einen «Covid-Simulator» entwickelt, der das Infektionsgeschehen in Deutschland berechnet und Prognosen liefert: für ganz Deutschland, die einzelnen Bundesländer bis hin auf Landkreisebene. Er kann auch online genutzt werden.

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