«Wo sind Sie?» «Zuhause»: Twitter-Marathon der Polizei

01.10.2021 Beim Twitter-Marathon lässt die Polizei es raus. Alltägliches und nicht Alltägliches landet im Kurznachrichtendienst - worüber sie sonst nicht berichtet, worüber sie sich ärgert: Unfallmeldungen ohne Straßennamen, zum Beispiel.

Der Nummer des Polizeinotrufs 110 steht auf der Scheibe eines Polizeifahrzeugs. Foto: Daniel Karmann/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Es geht los mit einem Mitbürger in Kreuztal bei Siegen, der sein Auto auf dem Supermarkt-Parkplatz nicht findet. Schnell macht sich eine Streife auf den Weg, um den vermeintlichen Diebstahl aufzuklären, doch dann erinnert sich der Anrufer an ein entscheidendes Detail: Diesmal war er zu Fuß einkaufen gegangen.

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen hat am Freitag getwittert, was das Zeug hält: Beim bundesweiten Twitter-Marathon nahmen mehr als 30 NRW-Polizeibehörden teil - mehr denn je. Dabei berichteten sie auch über Begebenheiten, die normalerweise nicht Inhalt einer Polizeimitteilung werden.

Bis zum Nachmittag zählt die Polizei nur im Kreis Mettmann 233 Notrufe - nicht alles ist ein Fehlalarm, aber vieles ist Kleinkram: etwa Unfälle mit Sachschaden.

Ein Polizist, das wird schnell klar, braucht eigentlich ein Jura-Studium: Wird ein Auto vom Nachbarn mit Fäkalien bespritzt, könnte es sich um eine Sachbeschädigung handeln und der Strafverfolgung stünde nichts im Weg. Handelt es sich aber um abwaschbare braune Soße, kann der Betroffene auf den zivilrechtlichen Weg verwiesen werden und ein Einschreiten ist nicht geboten.

Zwölf Stunden lang gewährte die Polizei Einblick in ihre Arbeit. Anlass war der Tag des Notrufs 110 (#polizei110): «Entschuldigen Sie - die Hausnummer bringt nichts, wenn Sie mir die Straße nicht nennen» - manchmal hilft in der Leitstelle der Bochumer Polizei nur Contenance und ruhiges Blut.

Aber dann kommt in Bochum schon der nächste Notruf rein und es entwickelt sich dem Tweet nach folgender Dialog, der erahnen lässt, wie schwierig es manchmal sein kann, Hilfe zu leisten: «Von wo aus rufen Sie an?» «Von meinem Handy!» «Wo sind Sie?» «Zuhause».

Wie die Enkeltrick-Masche funktioniert, erfährt man via Twitter, hat sich inzwischen bis nach Paderborn herumgesprochen: «Ihr Enkel hatte einen Unfall und braucht für die Behandlung dringend Geld!» Wie man den Betrugsversuch schnell und schmerzlos beendet, erfährt man auch: «Mein Enkel steht neben mir!» Dafür hat die Leitstelle dann Zeit für den nächsten Anrufer, der sich per 110 darüber beschwert, dass ihm sein Nachbar die Hecke stutzt. Andere würden sich vielleicht persönlich bedanken.

Der Fall des Rollator-Diebstahls entpuppt sich in Essen als halb so wild: vom Nachbarn ausgeborgt und zurückgebracht. Derweil muss die Polizei dort ein ernstes Gespräch mit einer Mutter samt Kind über den Tatbestand des Notruf-Missbrauchs führen: Auch am Tag des Notrufs ist das grundlose und mehrfache Wählen der 110 strafbar.

Das polizeiliche Führungszeugnis kann übrigens nicht per Notruf bei der Polizei angefordert werden, sondern bei der Stadtverwaltung. Wer hätte das gedacht?

Was lehrt der Twitter-Marathon? Polizeialltag ist nicht Mord und Totschlag, sondern eher Blechschaden und Bagatelldelikt. Aber auch das summiert sich zu einer Menge Arbeit: Im Durchschnitt 300 Einsätze täglich «wuppt» die Polizei allein in der Landeshauptstadt.

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