Sorgen und Kritik zum neuem Schuljahr: NRW gut gerüstet?

11.08.2021 Für einen sicheren Start ins neue Schuljahr 2021/22 in NRW sieht das Schulministerium alles gut vorbereitet. Aus Elternschaft, von Lehrerseite und Opposition kommt dagegen Kritik. Die Sommerferien seien - wie schon 2020 - nicht gut genutzt worden. Kinderärzte sind in Sorge.

Jochen Ott (SPD) spricht während einer Sitzung des Landtags. Foto: Marius Becker/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Vorfreude, Skepsis, Ängste: Wenn in einer Woche die Schule in Nordrhein-Westfalen wieder beginnt, lassen sich die Erschwernisse der Pandemie auch diesmal nicht ausblenden. Vor dem Start des neuen Schuljahrs 2021/22 am 18. August rücken Kinder- und Jugendärzte teils dramatische körperliche und psychische Folgen nach anderthalb Jahren Corona-Krise in den Fokus. Sie mahnen, weitere Schulschließungen wären «nicht verkraftbar». Aus Eltern- und Lehrerschaft kommt Kritik, die Sommerferien seien erneut nicht ausreichend für einen verbesserten Infektionsschutz genutzt worden. Schulministerin Yvonne Gebauer sieht die Schulen dagegen gut gerüstet.

Man habe die Ferien zur «umfassenden Vorbereitung für einen sicheren Schulstart nach den Ferien» genutzt, sagte die FDP-Politikerin vor wenigen Tagen. Es werde landesweit mit Präsenzunterricht gestartet, weiterhin gelte Maskenpflicht im Gebäude und Klassenraum. Bei den verpflichtenden zwei Tests pro Woche - nachweislich Geimpfte und Genesene werden davon befreit - seien alle organisatorischen und logistischen Vorkehrungen «für einen reibungslosen Ablauf ab Tag eins» getroffen. Für Luftfilter stellt das Land den Schulträgern erneut Millionenbeträge bereit. Eine Corona-Schutzimpfung wird für Schüler in NRW keine Voraussetzung sein, um am Präsenzunterricht teilzunehmen.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wies auf einen massiven Anstieg von psychischen Belastungen bis hin zu psychiatrischen Erkrankungen bei vielen Heranwachsenden hin. «Wir sehen in unseren Praxen dieselben Krankheitsbilder wie schon immer - nur in einem nie zuvor gekannten Ausmaß. Angst-, Schlaf-, Essstörungen, Konzentrationsproblematik, Aggressivität, Schulabsentismus, selbstverletzendes Verhalten, depressive Verstimmungen, manifeste Depressionen bis hin zu Suizidversuchen», schilderte NRW-Verbandschef Axel Gerschlauer. Therapieplatz-Mangel verschlimmere die Lage.

Fehlendes Freizeit- und Sportangebot in der Pandemie habe vermehrt zu Verzögerungen bei der grobmotorischen Entwicklung geführt, zu längerer Bildschirmzeit vieler Kinder und zu teils drastischem Übergewicht, berichtete Gerschlauer. «Vermutet werden muss ein Anstieg der körperlichen und seelischen Misshandlungen während des Lockdowns.» Er betonte: «Auch vor dem Hintergrund dieser dramatischen Zunahme an Belastungen und Erkrankungen der Kinder und Jugendlichen muss Präsenzunterricht gewährleistet sein. Eine vierte Welle mit Schulschließungen wäre nicht verkraftbar.» Das «Vertrauen in und die Hoffnung auf ein geregeltes Schuljahr» sei bei Eltern und Schülern allerdings gering.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mahnte mehr Anstrengungen für digitale Bildung an. Nur ein Drittel der Schulen sei ausreichend ausgestattet, monierte GEW-Landesvize Sebastian Krebs. Es brauche zudem umfassende Fortbildungen für Lehrkräfte und landesweit gültige Beurteilungskriterien für den Wechselunterricht.
Er befürchtet einen «unruhigen Herbst und Winter». Bei Prüfungen und Lehrplänen solle entschlackt werden.

Nach Einschätzung des Philologenverbands sind zusätzliche Lehrkräfte und weiteres Unterstützungspersonal wichtig. Lehrpersonal müsse von unterrichtfremden Aufgaben entlastet werden, verlangte die Landesvorsitzende Sabine Mistler. «Sie sind Experten für pädagogisches Handeln und Unterricht.» Und das müsse wieder in den Fokus rücken.

NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) bekräftigte, das Land stelle in einem zweiten Lüftungsprogramm rund 90 Millionen Euro bereit. Sie mahnte vom an der Finanzierung beteiligten Bund eine schnelle Verwaltungsvereinbarung an, ohne die das Land keine Förderrichtlinie erlassen und man in den Kommunen nicht an die Umsetzung gehen könne. Vertretern kommunaler Spitzenverbände zufolge ist Fensteröffnen die beste, an den meisten Schulen auch mögliche Methode. Lüftungsanlagen seien nicht zwingend überall erforderlich. GEW-Landeschefin Ayla Çelik, sagte dagegen, weil Luftfilter die Virenlast nachweislich senkten, seien sie als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme flächendeckend sicherzustellen.

Auch nach Ansicht der Grünen-Landtagsfraktion war die Förderung bei Luftfiltern bisher «halbherzig». Zudem müssten Testungen in den Schulen noch engmaschiger erfolgen. «Sichere Schulen sehen anders aus.» SPD-Fraktionsvize Jochen Ott bemängelte, das Verfahren in Sachen Quarantäne bleibe ungewiss. Offen sei, wie die Schulen verfahren sollten, wenn ein Kind positiv getestet werde - ob dann die gesamte Klasse in Quarantäne müsse oder ob dies nur für die direkten Sitznachbarn gelte. Würden trotz eines Infektionsfalls Schüler in der Klasse belassen, müsse dort deutlich mehr getestet werden.

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