Ärzte nach «Impf-Tohuwabohu» entnervt

07.07.2021 Welche Impfung bietet den besten Schutz gegen Corona? Die Empfehlungen ändern sich und bringen viele Patienten in Rage. Manche Hausärzte überlegen schon auszusteigen, warnen Praktiker.

Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Foto: Federico Gambarini/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Überlastung der Arztpraxen nach den jüngsten Empfehlungen für sogenannte Corona-Kreuzimpfungen könnte nach Einschätzung von Experten viele zum Aussteigen bewegen. Die Arztpraxen erlebten nach der schlecht kommunizierten Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) «ein Riesen-Tohuwabohu», stellte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO), Frank Bergmann, am Mittwoch in Düsseldorf fest.

Die beim Robert Koch-Institut angesiedelte Stiko hatte am Donnerstag überraschend mitgeteilt, dass Menschen, die eine erste Impfung mit Astrazeneca erhalten haben, künftig unabhängig vom Alter als zweite Spritze einen mRNA-Impfstoff wie den von Biontech oder Moderna wählen sollten, weil die Immunantwort deutlich besser sei.

Seitdem glühten in den Praxen die Telefonleitungen, sagte Bergmann. Viele wütende Patienten verlangten nun sofort einen anderen Impfstoff als Astrazeneca. «Hier wird ein guter Impfstoff mehr oder weniger verbrannt», kritisierte der Mediziner. Viele Patienten hätten nun das Gefühl, Astrazeneca sei «ein Impfstoff zweiter Klasse». Diese Verunsicherung hätte mit etwas mehr Vorlauf vermieden werden können, sagte Bergmann. Nun aber bleibe der Impfstoff liegen.

«Das war ein Kommunikationsdesaster», kritisierte auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVNO, Carsten König. «90 Prozent wollen Zweitimpfungen mit Astrazeneca nicht mehr», berichtete er aus seiner Düsseldorfer Hausarztpraxis. Da Impfstoff immer schon mit einer Woche Vorlauf bestellt werden müsse, könnten die Praxen nun nicht sofort umschwenken. Die verärgerten Patienten müssten auf neue Termine vertröstet werden. Angesichts des hohen Organisationsaufwands sei zu befürchten, dass viele Praxen jetzt sagten: «Wir machen nicht mehr mit. Wir hören nach den bereits geplanten Zweitimpfungen auf.»

Der Düsseldorfer Virologe Jörg Timm unterstrich: «Alle Impfstoffe schützen vor schweren Krankheitsverläufen.» Auch zwei Astrazeneca-Impfungen schützten gut vor der Delta-Variante, wenngleich die Kreuzimpfung aus immunologischer Sicht noch etwas besser und schneller zum Ziel führe. Die empfohlenen Impfabstände müssten «nicht sklavisch» eingehalten werden, sagte der Leiter des Instituts für Virologie der Universität Düsseldorf.

Nach einer durchgemachten Infektion reiche eine Corona-Impfung. Dazu sei die wissenschaftliche Datenlage bereits «überwältigend». Zwei Impfungen brächten keinen Mehrwert. «Irgendwann tut der Arm weh.» Auch eine dritte Spritze nach zwei Astrazeneca-Impfungen mache keinen Sinn. Bei zeitlich zu engen Nachimpfungen seien stattdessen mehr Nebenwirkungen zu befürchten.

Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts (Stand: 6. Juli) liegt NRW derzeit mit einer Erstimpfungsquote von 59,8 Prozent im Ländervergleich auf Platz 4. Die bundesweite Quote liegt mit 57,1 Prozent etwas niedriger. Bei den Zweitimpfungen liegt NRW mit 43,2 Prozent auf Platz 2. Die bundesweite Quote beträgt hier 39,9 Prozent. Insgesamt wurden in NRW bislang fast 18 Millionen von deutschlandweit rund 79 Millionen Impfungen verabreicht.

«Wir sind mit den Impfungen noch nicht da, wo wir sein müssten, um die Delta-Welle problemlos auszuhalten», sagte Timm. Dazu wäre eine Zweitimpfungsquote von 80 Prozent nötig, meinte auch Bergmann. Der Versorgungsforscher Christoph Potempa sieht Anzeichen für eine Verlangsamung des Impftempos. Daher sei jetzt eine Werbe-Kampagne nötig, um Unentschlossene zu motivieren, empfahl der Datenanalytiker.

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