Nächtlicher Angriff mit Tötungsplan?: Männer vor Gericht

14.10.2021 Plötzlich fallen Schüsse in Braunschweig. Ein Querschläger trifft eine fahrende Straßenbahn und verletzt den Fahrer. Schnell wird aber klar, dass er ein Zufallsopfer ist - die genauen Hintergründe soll der nun beginnende Prozess klären.

Eine Figur der blinden Justitia. Foto: Christoph Soeder/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Handschellen werden erst kurz vor Prozessbeginn abgenommen, unzählige Beamte sichern den Saal und das Gebäude: Unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen hat am Donnerstag in Braunschweig ein Strafprozess gegen fünf Männer nach Schüssen auf eine verfeindete Familie begonnen. Die Angeklagten im Alter von 20 bis 32 Jahren sollen im April in Braunschweig versucht haben, mindestens einen Menschen zu töten (2 KLs 859 Js 20171/21 (19/21)).

Die Staatsanwaltschaft wirft den drei Türken, einem Deutschen und einem Deutsch-Tunesier unter anderem versuchten Totschlag vor. Als ein jahrelanger Konflikt zu einer verfeindeten Familie immer weiter eskalierte, sollen sie gemeinsam einen Tötungsplan gefasst haben. Zur Umsetzung bewaffnete sich die Gruppe laut Anklage an einem Samstagabend mit einer scharfen Schusswaffe sowie Knüppeln und Macheten. Im Braunschweiger Westen sollen sie ihren Gegnern in zwei Autos dann aufgelauert haben.

Auf einen Kleinwagen mit drei Insassen fielen laut Anklage drei Schüsse. Fünf Mal wurde anschließend auf drei weitere Personen geschossen, die aus einem Transporter flohen. Getroffen wurde von den Angegriffenen offenbar niemand. Ein Querschläger flog aber in die Frontscheibe einer fahrenden Straßenbahn, deren Fahrer durch Glassplitter in Hals und Oberkörper verletzt wurde. Ein Projektil soll eine Stoßstange beschädigt haben, zwei Kugeln trafen die Fassade eines Hauses und eine weitere traf einen Mülleimer.

Die Beschuldigten, die in verschiedenen Gefängnissen in Untersuchungshaft sitzen, erklärten zum Prozessauftakt im Braunschweiger Landgericht, dass sie sich nicht zu den Vorwürfen äußern wollen. Genauere Hintergründe zur Tat und einem möglichen Konflikt blieben daher auch nach Verfahrensbeginn noch unklar. Ein Polizist berichtete als erster Zeuge von früheren Auseinandersetzungen zwischen zwei verfeindeten Familien. Die Auslöser dafür blieben aber ebenfalls offen.

Kurz nach der Tat prüften die Ermittler zumindest, ob es sich bei den Schüssen um eine Racheaktion oder einen Vergeltungsschlag gehandelt haben könnte. Dabei stand ein Zusammenhang zu einem Vorfall im Raum, bei dem kurz vor den Schüssen der Fahrer eines E-Rollers zunächst verfolgt und dann in einem Supermarkt zusammengeschlagen worden war. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) verurteilte die eskalierte Gewalt damals scharf.

Für den aufwendigen Prozess sind 20 Verhandlungstage bis Anfang Februar 2022 geplant. Nach Angaben eines Gerichtssprechers sind 66 Zeugen geladen. Wegen der mutmaßlichen Beteiligung eines 20-jährigen Angeklagten findet das Verfahren vor einer Jugendstrafkammer statt. Von der Richterin gab es am ersten Verhandlungstag noch den Hinweis, dass aus Sicht der Strafkammer auch ein versuchter Mord für dieses Verfahren in Betracht komme.

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