Nach Kochsalz-Injektionen: Zahl möglicher Betroffener steigt

13.08.2021 Wie viele Spritzen hat eine Krankenschwester im Kreis Friesland möglicherweise mit Kochsalzlösung statt mit Impfstoff gefüllt? Der Fall wird immer undurchsichtiger. Der Kreis ruft nach einer weiteren Prüfung nun noch mehr Menschen zu Nachimpfungen auf.

Ein Hausarzt impft einen Jugendlichen in seiner Praxis. Foto: Oliver Berg/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der Fall möglicher Impfungen mit Kochsalzlösungen im niedersächsischen Landkreis Friesland könnte deutlich mehr Menschen betreffen als zunächst angenommen. Statt bislang 8557 Menschen könnten noch 1626 weitere Personen möglicherweise Spritzen mit Kochsalzlösungen bekommen haben, wie der Landkreis am Freitag mitteilte. Damit erhöht sich die Zahl der Menschen, die nun schnellstmöglich nachgeimpft werden sollen, auf insgesamt 10 183.

Die weiteren Verdachtsfälle seien bei einer eingehenderen Prüfung der Dienstzeiten der beschuldigten Krankenschwester bekannt geworden, erklärte Landrat Sven Ambrosy (SPD). Ein Abgleich der bislang aus dem Dienstplan bekannten Zeiten mit den tatsächlichen Arbeitszeiten der Frau ergab, dass sie noch zusätzliche Dienste übernommen hatte. Die Zahl der möglichen Betroffenen erhöhe sich dadurch, erklärte Ambrosy. «Diese werden von uns natürlich unverzüglich informiert.» Möglicherweise betroffen sind Impfungen, die zwischen dem 5. März und 24. April vorgenommen wurden. Zuvor war der Kreis nur von Impfungen bis zum 20. April ausgegangen.

Die examinierte Krankenschwester, die am Impfzentrum des Kreises arbeitete, hatte eingeräumt, am 21. April sechs Spritzen überwiegend mit Kochsalzlösungen gefüllt zu haben. Ihr war beim Anmischen ein Fläschchen mit Impfstoff runtergefallen, was sie nach eigener Aussage vertuschen wollte. Die Tat war aufgeflogen, da die Frau einer Kollegin davon erzählt hatte. Am Dienstag hatten Landkreis und Polizei dann mitgeteilt, dass nach weiteren Zeugenaussagen nicht ausgeschlossen werden könne, dass die Frau weitere Spritzen mit Kochsalzlösungen aufgezogen habe. Um die möglicherweise fehlenden Impfungen nachzuholen, sollen daher alle tausenden Betroffenen als Vorsichtsmaßnahme des Landkreises nachgeimpft werden. Die Beschuldigte ließ über ihren Anwalt dagegen erklären, es handelte sich bei der Tat am 21. April um einen einmaligen Vorfall.

Von den Nachimpfungen ist den Angaben zufolge nun insgesamt etwa jeder zehnte Einwohner des Kreises betroffen. «Das ist natürlich etwas, was monströs ist», sagte Ambrosy. Das Vertrauen sei beschädigt und werde Folgen für die Impfkampagne im Landkreis haben. «Wir werben aber trotzdem: Lassen Sie sich impfen.» Wer nicht mehr im Impfzentrum in Friesland geimpft werden wolle, könne sich auch an Haus- und Betriebsärzte wenden.

Am Freitag liefen die ersten Nachimpfungen im Impfzentrum des Kreises an. Bei den Nachholterminen würden künftig täglich 200 bis 400 Personen zusätzlich geimpft, sagte eine Kreissprecherin. Das Personal sei dafür aufgestockt worden. Auch benachbarte Impfzentren helfen bei den Nachimpfungen. Insgesamt hatten sich bis Freitagmittag binnen drei Tagen rund 5000 Menschen für Nachimpfungen angemeldet.

Unterdessen räumte die Polizei eine Kommunikationspanne in dem Fall ein. Der Anwalt der Beschuldigten hatte ersten Darstellungen der Beamten widersprochen, wonach seine Mandantin im April die sechs Spritzen allein mit einer Kochsalzlösung aufgezogen habe. Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigten nun auch Angaben des Anwaltes. Die Beschuldigte hatte demnach bei einer ersten Vernehmung auch angegeben, Impfstoffreste aus übrigen Ampullen in die sechs Spritzen gefüllt zu haben. Dies sei in einer ersten Mitteilung zu dem Fall «nicht differenziert dargestellt worden», teilte die Polizei mit.

An der Gefahreneinschätzung, auf dessen Grundlage die Nachimpfungen nun anlaufen, ändert diese Angabe laut Polizei und Kreis aber nichts. Das Vermischen von Restimpfstoffen aus verschiedenen Ampullen sei regelwidrig, betonte Landrat Ambrosy. «Ich möchte sogar sagen, das ist nicht entlastend, sondern bestätigt gegebenenfalls eine gewisse Vertuschungsabsicht, weil eine klare Flüssigkeit eher auffällt als eine etwas trübere.» Eine Kochsalzlösung allein sei klar, während sich bei einer Vermischung mit Biontech-Impfstoff eine trübere Substanz ergebe. Auch dass die Staatsanwaltschaft einem Anfangsverdacht nachgehe, wonach der Impfausweis der Beschuldigten manipuliert sein könnte, bekräftige den Landkreis, besonders vorsichtig vorzugehen, sagte Ambrosy.

© dpa-infocom GmbH

Weitere News

Top News

Tv & kino

Weltstar und Weltenbummler: Hardy Krüger mit 93 Jahren gestorben

Auto news

Minimale Mobilität: Fahrzeuge für den Moped-Führerschein

Gesundheit

Gesunde Muttermilch?: Studie: Mütter mit Covid-19 können bedenkenlos stillen

Sport news

Australian Open: «Sprachlos» - Heftiges Zweitrunden-Aus für Kohlschreiber

People news

Sängerin: Tina Turner kauft Landgut am Zürichsee

People news

Missbrauchsprozess: Ghislaine Maxwells Anwälte: Antrag auf neuen Prozess

Internet news & surftipps

Pandemie: Omikron-Welle stellt Corona-Warn-App auf den Prüfstand

Das beste netz deutschlands

Eine Frage des Geschmacks: Koch-Apps machen das Leben leichter

Empfehlungen der Redaktion

Regional niedersachsen & bremen

Friesland: Doch Spritzen mit Impfstoff gespritzt?

Panorama

Friesland: Durchsuchungen bei Ermittlungen zu Kochsalz-Injektionen

Regional niedersachsen & bremen

Nach Kochsalzimpfungen: Betroffene erhalten 208.000 Euro

Regional niedersachsen & bremen

Polizei durchsucht DRK-Gebäude wegen Betrugsverdacht

Regional niedersachsen & bremen

Kochsalz-Injektionen: Polizei richtet Ermittlungsgruppe ein

Regional niedersachsen & bremen

Nach Kochsalz-Injektionen: 3300 Menschen haben Nachimpfung

Regional niedersachsen & bremen

Mehr Fälle von Kochsalz-Injektion?: Nachimpfungen geplant

Regional niedersachsen & bremen

Nach Vorfall: Mehr als 2000 zu Nachimpfungen angemeldet