Diskussion um Inzidenzwerte

20.07.2021 Wie aussagekräftig ist die Sieben-Tage-Inzidenz zur Bewertung der Corona-Pandemie? Darüber ist auch in Niedersachsen eine Diskussion entbrannt. Die Landesregierung will zunächst an ihrem Stufenplan mit Inzidenzschwellen für Beschränkungen festhalten.

Testsets mit Abstrichstäbchen liegen in einem Testzentrum für Corona-Verdachtsfälle. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Angesichts einer wieder steigenden Sieben-Tage-Inzidenz hält Niedersachsen vorerst am Corona-Stufenplan mit Inzidenzschwellen für Beschränkungen fest. Es bleibe zunächst bei den festgelegten Grenzwerten für Lockerungen und Beschränkungen, sagte Regierungssprecherin Anke Pörksen am Dienstag in Hannover. Ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 oder 50 müsse örtlich mit einer Rücknahme von Lockerungen gerechnet werden.

Im Landesdurchschnitt lag die Sieben-Tage-Inzidenz am Dienstag bei 11,3 und damit etwas über dem Bundesdurchschnitt. Sie steht für die Zahl an Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen einer Woche. Den höchsten Inzidenzwert hatte die Grafschaft Bentheim an der deutsch-niederländischen Grenze mit 29,2. Dahinter folgte die Region Hannover mit einem Wert von 23,0.

Land und Bund wollten die weitere Entwicklung beobachten und möglicherweise im Laufe des Augusts die Kriterien und Grenzwerte für Beschränkungen überdenken, sagte Pörksen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass die bis zum 3. September gültige Landes-Corona-Verordnung vorzeitig überarbeitet werde.

Die Industrie- und Handelskammer Hannover warnte angesichts steigender Inzidenzen vor erneuten Einschränkungen für Gastronomie, Einzelhandel und Hotels und kritisierte den an die Inzidenzen geknüpften Stufenplan scharf. «Die Inzidenz als einziger Gradmesser und Richtschnur für politisches Handeln und Verordnungen ist nicht mehr tragfähig», sagte IHK-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt am Dienstag. Stattdessen müsse die Corona-Verordnung «schnellstmöglich auf eine geeignetere Basis mit Blick auch auf Impfquoten und Hospitalisierung» umgestellt werden.

«In nahezu allen vom Lockdown lang und hart getroffenen Branchen sehen wir jetzt endlich einen Aufschwung, der im Sommer durch einen mittlerweile überholten Inzidenz-Automatismus wieder abgewürgt werden könnte», sagte Bielfeldt. Für erneute Einschränkungen fehle vielen Betrieben mittlerweile nicht nur die Kraft, sondern es fehlten auch die finanziellen Reserven.

Jüngst hatten andere Bundesländer auf einen «neuen Warnwert» zur Beurteilung der Corona-Lage gedrängt. Bei steigenden Impfquoten habe die Sieben-Tage-Inzidenz heute viel weniger Aussagekraft als noch vor einem halben Jahr, sagte etwa die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag). Die Länder müssten sich mit der Bundesregierung rasch auf eine bundeseinheitliche Regelung verständigen. Auch die Lage in den Krankenhäusern müsse berücksichtigt werden. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) schloss sich der Forderung an.

In Niedersachsen waren am Dienstag 62,7 Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft. Die Impfbereitschaft sei nach wie vor hoch, allerdings sei der Andrang auf die Impfzentren nicht mehr so hoch wie noch vor vier Wochen, sagte Claudia Schröder, die stellvertretende Leiterin des Corona Krisenstabs der Landesregierung. Am 1. August will die Landesregierung eine Kampagne unter dem Motto «Impfen, Schützen, Testen» starten. Dazu sollen auch Plakate in sozialen Brennpunkten aufgehängt werden.

Das Infektionsgeschehen hat sich nach Angaben der Landesregierung zu den jüngeren Menschen verlagert. Mehr als die Hälfte der Infizierten seien zwischen 15 und 29 Jahre alt. Die sei unter anderem zurückzuführen auf die geringe Impfquote bei dieser Gruppe sowie Treffen unter Jugendlichen. Die über 50 Jährigen würden hingegen nur rund 15 Prozent zum landesweiten Infektionsgeschehen beitragen.

Angesichts der beginnenden Sommerferien empfahl die Landesregierung Urlaubsrückkehrern, sich fünf Tage nach einer Reise zu isolieren und eigenverantwortlich zu testen - auch bei einem vollständigen Impfschutz.

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