Fast neun Jahre Haft für schweren Kindesmissbrauch verhängt

21.10.2021 Ein Mann fährt mit seinem Stiefsohn durch Deutschland, um ihn anderen zum sexuellen Missbrauch zu überlassen. Das unglaubliche Szenario, das zum «Missbrauchskomplex Münster» gehört, hat sich auch in Vorpommern ereignet. Nun gibt es ein Urteil.

Eine Figur der blinden Justitia. Foto: Sonja Wurtscheid/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

In einem weiteren Prozess im sogenannten Missbrauchskomplex Münster hat das Landgericht Neubrandenburg einen Angeklagten zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt. Der 36-jährige Mann aus Ueckermünde (Vorpommern-Greifswald) soll für acht Jahre und neun Monate ins Gefängnis, wie Richterin Daniela Lieschke am Donnerstag sagte. Er wurde des schweren sexuellen Kindesmissbrauchs an einem Neunjährigen im Jahr 2019 sowie des Besitzes kinderpornografischer Schriften für schuldig befunden.

Die Jugendschutzkammer behielt sich zudem vor, wegen der ausgeprägten pädosexuellen Neigung später noch über eine mögliche Sicherungsverwahrung für den Mann zu entscheiden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (AZ: 23 KLs 7/21 jug).

Die Kammer sei überzeugt, dass sich der Verurteilte im Jahr 2019 mehrfach in Ueckermünde mit dem schon verurteilten Hauptverantwortlichen des Tatkomplexes Münster, Adrian V., und dessen Stiefsohn getroffen hat. Dort habe der Ueckermünder den damals Neunjährigen mehrfach sexuell missbraucht. Beide Männer hätten sich in einschlägigen Internetchats kennengelernt, das Vorgehen - wie in anderen Fällen - detailliert geplant und zum Teil sogar ihre Vorfreude ausgedrückt.

Bei Treffen in der Wohnung des 36-Jährigen und in einer Ferienwohnung wurde der Missbrauch auch gefilmt, wie es hieß. Die Bilder seien später untereinander ausgetauscht worden.

«Sie haben dazu beigetragen, dass der Junge Stück für Stück körperlich und seelisch zerstört wurde», sagte Lieschke. Der Ueckermünder hatte vor Gericht zu den Vorwürfen geschwiegen. Seine Verteidiger hatten allerdings erklärt, dass ihr Mandant nur die Videos und Bilder besessen, nicht aber die Straftaten verübt habe.

Wie Lieschke erklärte, habe die Kammer die Vorfälle in Ueckermünde dank der Ermittler, der beschlagnahmten Internetchats, Handys und Videos rekonstruieren können. So hatte der Ueckermünder danach in seinen Texten Details genannt, die nur auf ihn zutrafen, unter anderem seinen Vornamen. Eine Sachverständige legte dar, dass auch nur er Zugriff auf seinen Computer und sein Handy hatte, um diese Kommunikation mit dem Mann aus Münster zu betreiben, sagte Lieschke.

Besonders schlimm sei, dass sich der Mann immer wieder jungen Müttern als Babysitter angeboten und «zum Teil fast aufgedrängt» habe.

Auf dem Computer in der Wohnung des Mannes wurden laut den Behörden zudem mehr als eine Million Dateien mit kinderpornografischen Inhalten sichergestellt, weshalb noch ein weiteres Verfahren läuft. In der Öffentlichkeit habe sich der Mann immer als «heterosexuell» ausgegeben, sagte Lieschke.

Stiefvater Adrian V. gilt als Drahtzieher in dem Komplex, der sich um Vergewaltigungen von Kindern in einer Gartenlaube in Münster und anderen Orten in Deutschland dreht. Der IT-Techniker wurde im Mai 2020 festgenommen und vor wenigen Monaten zu 14 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Er soll seinen Stiefsohn auch gegen Geld anderen zum Missbrauch überlassen haben. In dem Zusammenhang wurde und wird gegen mehr als 50 Männer in Deutschland ermittelt. Der Junge ist demnach schwer traumatisiert, er musste in Neubrandenburg nicht aussagen.

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