Botschafter: «Blühende Landschaften kann man nicht sagen»

01.10.2021 Mathias Schilling war seit Kindertagen ein Grenzgänger zwischen West und Ost. Im Großen und Ganzen funktioniere das Miteinander. Der Einheitsbotschafter von Mecklenburg-Vorpommern sieht aber auch Schatten.

Mathias Schilling, steht auf der Insel Öhe, einer winzigen Insel vor der Insel Rügen. Foto: Stefan Sauer/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mathias Schilling zieht als Einheitsbotschafter von Mecklenburg-Vorpommern kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit ein gemischtes Fazit. «Im Großen und Ganzen hat es natürlich schon funktioniert», sagte der gebürtige Schleswig-Holsteiner mit Blick auf die Einheit. Seine familiären Wurzeln liegen seit Jahrhunderten auf der Öhe, einer winzigen Insel vor Rügen, auf der er mittlerweile wieder Rinder züchtet. In diesem Jahr wird der Tag der Deutschen Einheit von Sachsen-Anhalt ausgerichtet - auf dessen Initiative hat jedes Bundesland zwei Einheitsbotschafter ernannt.

Ost- und Westdeutsche lebten zusammen, sagte der 40-Jährige, dessen Frau aus Demmin stammt. Er kenne viele Menschen etwa aus Vorpommern, die etwas aus sich gemacht hätten. Dennoch sagte Schilling: «Ob's wirklich eine Wiedervereinigung oder eine Übernahme war, das müsse man offenlassen.» Bei dem Aufeinandertreffen der zwei Gesellschaftssysteme habe es auch viele Ängste und Schwierigkeiten gegeben. So sei etwa die schnelle Einführung der D-Mark unbedarft gewesen. Das habe die Wirtschaft «gekillt».

Als Schilling vor mehr als zehn Jahren wieder verstärkt auf der Öhe aktiv wurde, sei er zunächst als «Wessi» beargwöhnt worden. Ihm seien auch Steine in den Weg gelegt worden. «Das hat mich aber auch stärker gemacht.» Mittlerweile sei er akzeptiert - auch weil die Menschen sähen, dass die Region von seiner Arbeit profitiere. Mittlerweile beschäftige er mehr als 50 Mitarbeiter, führe fünf Restaurants, zwei Hofläden und eine Fischmanufaktur in Stralsund. Den Bismarckhering von dort - damals noch unter anderer Führung - haben sich schon die ehemaligen Präsidenten George W. Bush und Francois Hollande schmecken lassen.

«Ich habe alle meine Ferien auf der Insel verbracht, auch schon zu DDR-Zeiten», sagte Schilling, der in Schleswig-Holstein aufwuchs. Sein Vater war mit einem Faltboot in den Westen geflohen, nachdem er nicht studieren durfte wie er wollte. Die Großeltern blieben auf der Insel. Die Familiengeschichte dort reiche 700 Jahre zurück.

Mit Blick auf die Region sagte Schilling: «Blühende Landschaften kann man nicht sagen.» Man müsse auf das produzierende Gewerbe aufpassen. Das breche sonst Stück für Stück alles weg. Allein Tourismus und Eigentumswohnungen schafften nicht genug Wertschöpfung vor Ort.

Die Einheitsbotschafterinnen und -botschafter sollen rund um den Tag der Deutschen Einheit die Gesichter ihrer jeweiligen Heimatländer sein und stellvertretend für Erfolge, Chancen sowie Herausforderungen der Deutschen Einheit stehen.

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