Marineinspekteur: «Wir müssen raus aus der Komfortzone»

31.07.2021 Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde viel von «Friedensdividende» gesprochen. Die Rüstungshaushalte wurden gekürzt, eine kriegerische Auseinandersetzung schien in weiter Ferne. Diese Einschätzung stimmt so nicht mehr, ist der neue Marinechef überzeugt.

Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach, Inspekteur der Deutschen Marine, im Marinekommando. Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Deutsche Marine braucht nach Ansicht ihres neuen Inspekteurs Kay-Achim Schönbach einen Motivationsschub, um auch künftig ihren Auftrag erfüllen zu können. «Wir müssen raus aus der Komfortzone», sagte Schönbach der Deutschen Presse-Agentur. «Wir müssen raus aus dem gefühlt administrativen Bestreiten der Bundeswehr hin zu einer stärker auf Einsatz und Bedrohung ausgerichteten Armee.» Die Ausbildung müsse vor dem Hintergrund der Bündnisverteidigung forciert werden. «Es geht um das Thema Kämpfen und Kämpfen können.»

Deutschland habe umfangreiche Bündnisverpflichtungen. «Wir schreiben uns auf die Fahnen, dass wir weltweit für Frieden, Freiheit und Durchsetzung von Menschenrechten sind.» Dann dürfe sich Deutschland nicht wegducken, wenn es ums Helfen geht. Dabei zeige die aktuelle Lage, dass etwa die Politik Russlands und Chinas eine Herausforderung oder sogar ein Gefahr darstellt. «Das nicht zu sehen, reicht schon sehr an Verweigerung der Realitätswahrnehmung heran.»

Es gebe zu viele Soldaten, die sich seit zehn oder mehr Jahren auf einer Stelle und an einem Ort eingerichtet hätten. Dann übernehme Routine das Kommando. «Das möchte ich in Bewegung bringen und die Rotation der Organisation befördern», sagte der Vizeadmiral. Die Marine hat den Angaben zufolge rund 16 300 Soldaten in ihren Reihen, davon sind etwa 1500 im Einsatz.

In den vergangenen Monaten seien Marine-Rüstungsaufträge in Milliardenhöhe genehmigt worden. «Meine Aufgabe ist die Integration des Personals in diese Waffensysteme», betonte Schönbach. Dabei spiele die Ausbildung junger Menschen die zentrale Rolle. Deren Rekrutierung sei aber durch die Corona-Pandemie ins Hintertreffen geraten. In welcher Größenordnung werde sich erst in ein bis zwei Jahren herausstellen.

Dabei seien die körperlichen Defizite, die viele junge Menschen mitbringen, «seine einzige wirkliche Sorge», sagte Schönbach. Es benötige nun wesentlich mehr Zeit, sie auszubilden. Um auf einem Schiff der Marine Dienst machen zu können, sei aber körperliche Fitness unabdingbar.

Dabei täuschten sich viele Beobachter, wenn sie glauben, dass die Rekruten nicht willens seien, sich fordern zu lassen, betonte der 56 Jahre alte Schönbach, der in seiner Laufbahn unter anderem auch Kommandeur der Marineschule Mürwik war. Es gelte, eine Balance zu finden: «Was können die Menschen, was müssen wir ihnen zumuten?» Gleichzeitig müsse auch angesichts von möglichen Einsätzen klar gesagt werden: «Es ist keine Fürsorge, ihnen nichts abzuverlangen. Das wäre sogar sträflich, denn sie müssen bestehen.»

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