Weitere Schulöffnungen: Kritik an Selbsttests in der Klasse

17.03.2021 Die Schulen in MV sind am Mittwoch ein weiteres Stück geöffnet worden. Corona-Selbsttests sollen das absichern. Dass die Kids sich jedoch vor der Klasse unter Aufsicht der Lehrer testen sollen, stößt bei Eltern- und Lehrerverbänden auf massive Kritik.

Eine Schülerin hält einen Corona-Selbsttest in den Händen. Foto: Matthias Balk/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Tausende Kinder und Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern haben ein Stück Normalität zurückgewonnen: Seit Mittwoch gehen in Schwerin sowie in den Landkreisen Ludwigslust-Parchim, Rostock und Vorpommern-Greifswald die Schüler ab Klasse sieben wieder im Wechselunterricht zur Schule. Das heißt, abwechselnd lernt eine Hälfte der Klasse in der Schule und die andere zu Hause. So sollen die Gruppen klein gehalten und das Ansteckungsrisiko verringert werden. Die Schüler waren zuletzt kurz vor Weihnachten in der Schule gewesen.

Aktuell sind nur noch im Landkreis Nordwestmecklenburg die Siebt- bis Neuntklässler an den Regionalen Schulen sowie die Siebt- bis Elftklässler an den Gymnasien komplett zu Hause. Abschlussklassen bekommen schon seit längerem landesweit Präsenzunterricht zur Prüfungsvorbereitung. Für Kinder bis Klasse sechs sind die Schulen ebenfalls geöffnet, teilweise auf freiwilliger Basis.

Nach Angaben des Kreises Nordwestmecklenburg könnten die Schüler dort am kommenden Montag in die Schulen zurückkehren, sofern die Sieben-Tage-Inzidenz unter 100 bleibt. Hintergrund ist, dass Nordwestmecklenburg diese Schwelle vergangene Woche für mehrere Tage überschritten hat und dann zehn Tage mit einer Inzidenz unter 100 vergehen müssen, ehe geöffnet werden kann. In der Stadt Rostock und in den Landkreisen Vorpommern-Rügen sowie Mecklenburgische Seenplatte mit niedrigeren Inzidenzen sind die Schulen schon eher geöffnet worden.

Um die Schulöffnungen abzusichern, hat das Land für die Mädchen und Jungen Corona-Selbsttests beschafft. Sie sollen vom kommenden Montag an in allen Klassenstufen einmal pro Woche in der Klasse unter Aufsicht eines Lehrers stattfinden und sind freiwillig. Seit Mittwoch sollten laut Bildungsministerium bereits erste Tests ab Klasse sieben möglich sein.

Dazu hat das Land groß eingekauft: Am vergangenen Wochenende seien mehr als 411 000 Tests an die Schulen in den Kreisen Ludwigslust-Parchim, Vorpommern-Greifswald, Rostock und der Stadt Schwerin geliefert worden, sagte ein Sprecher des Bildungsministeriums. Am Montag habe das Technische Hilfswerk (THW) 30 000 Tests in die Hansestadt Rostock gebracht.

Weitere 400 000 Tests würden diese Woche unter anderem den Landkreisen Nordwestmecklenburg, Mecklenburgische Seenplatte und Vorpommern-Rügen übergeben. «Damit sind genügend Tests an den Schulen vorhanden, um die vorgesehenen Testungen bis in die Woche nach Ostern zu gewährleisten und allen Schülerinnen, Schülern und Beschäftigten an den öffentlichen und freien allgemein bildenden und beruflichen Schulen Tests anzubieten», sagte der Ministeriumssprecher.

Von Eltern- und Lehrervertretern kam jedoch massive Kritik an den Selbsttests in der Klasse. Diese sollten aus psychischen Gründen im Beisein der Eltern in der elterlichen Wohnung stattfinden, forderte etwa der Landeselternrat. Laut Vorgabe aus dem Bildungsministerium muss ein Kind, dessen Selbsttest in der Schule ein positives Ergebnis zeigt, von den Eltern abgeholt werden und wird bis dahin von den Mitschülern isoliert.

«Bei uns laufen die Telefone heiß, uns wird von einem Wildwuchs an Anweisungen und Pflichten gegenüber den Lehrkräften berichtet, die die Corona-Schnelltests anleiten und beaufsichtigen sollen», berichtete der Landesvorsitzende des Deutschen Beamtenbundes (dbb), Dietmar Knecht. Lehrer fühlten sich unsicher, da ihnen medizinisches Fachwissen fehle, um mögliche Fehler in der Durchführung der Tests zu erkennen. Die Informationslage an den Schulen sei chaotisch.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte, erst am Montagnachmittag sei bekanntgegeben worden, wie ab Mittwoch getestet werden soll. Es gebe viele offene Fragen, die für einen sicheren Schulablauf geklärt werden müssten, sagte der Landesvorsitzende Michael Blanck. «Wer hilft, wenn die Schüler mit den Röhrchen, dem Abzählen der Tröpfchen nicht klarkommen? Wie reagieren die Kinder, wenn bei einem Kind ein positives Ergebnis angezeigt wird? Wie werden die Utensilien auch bei positiven Ergebnissen entsorgt und wie wird desinfiziert?»

Zudem könnten Blanck zufolge gefährliche Situationen in jüngeren Klassen mit lebhaften Schülern entstehen. Aus Sicht des VBE wäre zumindest in den ersten Wochen zusätzliches medizinisches Personal für die Tests notwendig.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) berichtete von vielen kritischen Rückmeldungen aus den Schulen zu den Selbsttests. «Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich nicht gut auf die Abläufe vorbereitet», erklärten die beiden Landesvorsitzenden Annett Lindner und Maik Walm. «Sie haben Angst, dass es zu Verletzungen, Ansteckungen und nicht zuletzt auch zu Stigmatisierungen der Kinder kommt, wenn diese Tests in den Schulen durchgeführt werden.»

Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) versicherte in einem Elternbrief: «Die Tests sind sehr leicht anwendbar und - anders als die bisher bekannten Schnelltests - auch nicht unangenehm. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Österreich, finden die Selbsttests bereits in den Schulen breite Anwendung.»

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