Gauck beklagt Marginalisierung von Menschenrechten

04.07.2021 Alt-Bundespräsident Joachim Gauck ist am Sonntag mit dem Franz Werfel-Menschenrechtspreis der Stiftung des Zentrums gegen Vertreibungen ausgezeichnet. In seiner Dankansprache erinnerte Gauck an das Schicksal der mehr als 80 Millionen Menschen, die derzeit weltweit auf der Flucht sind. «Vor unserer Haustür in Europa sehen wir die schrecklichen Folgen», sagte Gauck mit Blick auf die Toten im Mittelmeer. «Flucht und Vertreibung weltweit zu bekämpfen, heißt auch immer, Fluchtursachen zu bekämpfen, wo immer das möglich ist. «Ich frage mich, ob wir nicht mehr tun könnten, als wir tatsächlich tun.»

Joachim Gauck. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Gauck kritisierte «nackte Ignoranz» und «realpolitische Überforderung», wenn es darum gehe, Menschenrechte durchzusetzen. Trotz aller Beteuerungen habe die internationale Gemeinschaft Genozide und Vertreibungen nicht verhindern können. «Wir kennen die Geringschätzung und Marginalisierung von Menschenrechten, wenn es darum geht, wirtschaftliche Interessen durchzusetzen», sagte Gauck. Ausdrücklich erwähnte er die Situation der Opposition in Belarus.

Die Preisvergabe in der Frankfurter Paulskirche konnte pandemiebedingt erst jetzt stattfinden, nachdem der mit 10 000 Euro dotierte Preis Gauck bereits im vergangenen Jahr zuerkannt worden war.

In seiner Laudatio würdigte der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Bernd Fabritius (CSU), dass Gauck das Projekt eines Zentrums gegen Vertreibungen als Dokumentations- und Erinnerungsort von Anfang an unterstützt habe. Er habe Flüchtlinge und Vertriebene aus dem «Erinnerungsschatten» geholt. Mit der Auszeichnung soll nach Angaben der Jury das langjährige Engagement Gaucks gewürdigt werden, der auch als Bundespräsident die Verletzung von Menschenrechten durch Völkermord, Vertreibung und Genozid angeprangert habe.

Der evangelische Theologe Joachim Gauck gehörte in der DDR zu den führenden Mitgliedern des Neuen Forums in Rostock und war von 1991 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Am 18. März 2012 zum elften Bundespräsidenten gewählt, war er bis 2017 der höchste Repräsentant der Bundesrepublik.

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