Experten geben Munitionsräumung als Ziel bis 2100 aus

07.09.2021 In den Weltmeeren rosten gewaltige Mengen alter Munition vor sich hin. Allein in Nord- und Ostsee werden 1,6 Millionen Tonnen vermutet. Experten beraten in Kiel über die Bergung der für Mensch und Natur gefährlichen Stoffe. Bietet das Thema für den Norden eine Chance?

Granaten liegen in einem Bunker des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) in einer Kiste. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

An vielen Stellen in Nord- und Ostsee lagert noch immer Munition aus den Weltkriegen. Substanzen aus Sprengstoffen sammeln sich im Meerwasser und wurden bereits in Pflanzen und Tieren nachgewiesen. Über Möglichkeiten der Bergung der gefährlichen Altlasten beraten Experten unter dem Motto «Gefahr und Chance» noch bis Freitag auf der internationalen Konferenz «Kiel Munition Clearance Week 2021» in Schleswig-Holstein.

«Die Munition im Meer rostet weg und landet im Ökosystem, dagegen müssen wir so schnell wie möglich etwas tun», sagte Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne). Allein für den Start in die industrielle Bergung der Munition seien etwa 100 Millionen Euro notwendig. «Damit könnte eine Bergungs- und Entsorgungsplattform gebaut werden. Für den Betrieb werden weitere Gelder nötig sein.» Die Küstenländer schafften dies nicht ohne Hilfe des Bundes.

«Unsere Vision ist es, die Weltmeere bis 2100 frei von Munitionsaltlasten zu bekommen», sagte der Gründer des internationalen Munitionskatasters Ammunition Cadastre Sea, Jann Wendt, am Dienstag. Gemeinsam mit dem Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung organisierte dieses die Tagung. 150 Experten nehmen in Kiel teil, 350 weitere aus 25 Ländern sind den Angaben zufolge virtuell zugeschaltet.

Geomar-Wissenschaftler forschen bereits seit Jahren zu verschiedenen Aspekten. Das Institut werde seine wissenschaftlichen Arbeiten zum Aufspüren von Munition und zur Entwicklung von Lösungen für die Überwachung und Räumung fortsetzen, sagte Geomar-Direktorin Katja Matthes. Voraussichtlich noch 2021 sollen drei weitere Projekte starten. «Hierbei geht es neben technologischen Entwicklungen zur Sprengstoffdetektion im Wasser und einer durch künstliche Intelligenz unterstützen Einschätzung des Risikos durch individuelle Munitionsobjekte insbesondere um die ökologischen Auswirkungen von Munition im Meer», sagte Geomar-Experte Jens Greinert. Alle relevanten deutschen Forschungseinrichtungen zögen bezüglich der ökologischen Auswirkungen an einem Strang.

In deutschen Teilen von Nord- und Ostsee liegen nach Regierungsangaben in 71 belasteten Gebieten insgesamt rund 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition. Hinzu kommen etwa 5000 Tonnen chemischer Munition aus beiden Weltkriegen. Insgesamt sollen es in deutschen, dänischen, schwedischen, norwegischen und lettischen Gewässern 320.000 Tonnen sein.

Im April hatte die Umweltministerkonferenz laut Kieler Umweltministerium einem Antrag des Landes zugestimmt, den Monitoringbericht zu einer Handlungsempfehlung auszuweiten und somit den Weg für den Einstieg in die Bergung zu bereiten.

Gefragt ist auch die Industrie. Die Kieler Werft ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) hat bereits Pläne für eine industrielle Bergung von Munitionsaltlasten. Die Indstrie- und Handelskammer geht allein für Schleswig-Holstein von Investitionen in mehrstelliger Milliardenhöhe aus, sieht aber auch Möglichkeiten für den Export von Technologien. «Kiel hat als Standort der maritimen Industrie und Meeresforschung die Chance, einen neuen Wirtschaftszweig zu etablieren und Schleswig-Holstein in den internationalen Fokus zu rücken», sagte IHK-Präsidentin Friederike Kühn.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) verwies auf die besondere Lage seines Landes zwischen zwei betroffenen Meeren. Das Problem mache nicht an den deutschen Grenzen halt. Es sei ein weltweites Problem. Die Forschung müsse weiter laufen, um das Bewusstsein für die Situation zu schärfen. Die Industrie sei gefordert, die Technik für große Bergungseinsätze bereitzustellen. Sein Technologieminister Bernd Buchholz (FDP) forderte innovative Lösungen an, um die Munition sicher, umweltfreundlich und wirtschaftlich aus dem Meer zu holen.

© dpa-infocom GmbH

Weitere News