Unternehmer fordern intensivere Kooperation der Nord-Länder

10.07.2021 Norddeutsche Kooperation - das ist ein Dauerbrenner auch für die Wirtschaft. Die Unternehmensverbände sehen Fortschritte und Reserven zugleich. Präsident Murmann macht Vorschläge. Ein altes Reizthema hat sich für ihn längst erledigt.

Philipp Murmann spricht. Foto: Gregor Fischer/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Unternehmensverbände in Schleswig-Holstein und Hamburg verlangen eine engere Kooperation beider Bundesländer. «Wir spüren schon eine verstärkte Zusammenarbeit gerade in der Metropolregion, aber man sollte schon noch mehr Dinge zusammen angehen, sagte UVNord-Präsident Philipp Murmann der Deutschen Presse-Agentur. «Das sollte beginnen bei einer gemeinsamen Landesplanung.» Auch ein gemeinsames Industriekonzept, gerade im Hinblick auf neue Energien, und eine gemeinsame Fachkräfte-Initiative würden beiden Ländern nutzen. Gleiches gelte für die Hochschulpolitik. «Muss jedes Bundesland in jedem Bereich eine Exzellenz-Uni haben oder sollte man nicht komplementär arbeiten?».

Die Universitätskliniken beider Länder sollten sich auch enger verzahnen, sagte Murmann. Zudem sei die IT-Infrastruktur in den Verwaltungen sehr unterschiedlich ausgeprägt. «Wäre es da nicht sinnvoller, eine gemeinsame Investitions- und Digitalisierungsstrategie zu verfolgen?» In einen Nordstaat müsse mehr Gemeinsamkeit nicht münden, sagte Murmann. «Das ist für mich als Schlagwort eher ein Thema von gestern. Heute stünden die Zeichen auf Kooperation. «Wir brauchen keine unmittelbar zentralistischen Strukturen, sondern in vielen Bereichen Kooperationsstrukturen, möglichst wenige Doppelungen und eine sehr enge Kommunikation.»

Beide Länder sollten aus Murmanns Sicht noch mehr die Forschung und Entwicklung in Unternehmen stärken. «Auch die Verzahnung der Hochschulen mit den Unternehmen sollten wir weiter vorantreiben.» Hamburg sei von jeher ein starker Hochschulstandort mit einer engen Vernetzung zur Wirtschaft. Auch Schleswig-Holstein habe sich hier positiv entwickelt in den letzten Jahren. «Insgesamt sind wir da auf einem guten Weg, aber noch lange nicht so weit wie zum Beispiel die Region München.» Auch bei der Förderung technologiestarker Start-ups gebe es Reserven, speziell in Schleswig-Holstein.

Der Norden benötige insgesamt einen von neuen Technologien getragenen Wachstumsschub, sagte Murmann. Das gelte auch für den Klimaschutz. Man könne die Klimaziele nicht nur durch Dirigismus, Gesetze und Appelle erreichen. «Sondern man braucht geeignete Instrumente und Investitionen im staatlichen und im privaten Bereich.» Dafür sei Schleswig-Holstein prädestiniert, da die erneuerbaren Energien hier einen hohen Stellenwert haben. Hier spiele Wasserstoff eine immer größere Rolle. «Dahinein müssen Kraft, Energie und Geld fließen.»

Murmann lobte die Regierung in Kiel für die geplante Einführung der Informatik als Pflichtfach und für ein Programm, mit dem Schüler lernen sollen, Initiativgeist und unternehmerische Kompetenz zu entwickeln. Eine große Herausforderung bleibe die Nachwuchsgewinnung in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). «Auch die duale Ausbildung müssen wir im Blick behalten - hier hat die Pandemie Lücken geschlagen.»

Eine Welle des Fachkräftemangels sei zu befürchten, sagte Murmann. «Wir sind weiterhin darauf angewiesen, Menschen aus dem Ausland zu holen und ihnen Arbeitsmöglichkeiten zu geben, besonders in technologieaffinen Bereichen.» Auch Software-Experten seien extrem knapp. Dies gelte auch für das Sanitär- und Heizungshandwerk.

Auf die Frage nach der Wirtschaftsfreundlichkeit der in Hamburg und Schleswig-Holstein mitregierenden Grünen sagte Murmann: «Ich habe die Grünen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, immer als sehr kooperativ erlebt». Natürlich gebe es unterschiedliche Auffassungen. «Die Notwendigkeit, qualitatives und quantitatives Wachstum zu erzeugen, um die nötigen Investitionen zum Beispiel für Klimaschutz zu bekommen, und die damit verbundene Dimension ist in meinen Augen nicht allen klar.» Er rechne mit weiterhin konstruktiven und hitzigen Diskussionen. «Sicher hat sich zumindest ein Teil der Grünen auf einen etwas realistischeren Weg begeben, als das vielleicht vor zehn Jahren der Fall war.»

Murmann bedauerte, dass der Bau der A20 nicht weitergekommen ist. «Gerade als mittelständisch geprägtes Land brauchen wir solche Achsen.» Eine Ablehnung von Autobahnen sei per se noch längst keine gute Klimapolitik. «Die Frage ist: Wer fährt auf den Autobahnen und was wird dort transportiert?» Die A20 gehöre neben der festen Fehmarnbelt-Querung, einer Verbesserung der Bahninfrastruktur sowie Ersatzbauten für die Rader Hochbrücke und die Köhlbrandbrücke in Hamburg zu den besonders wichtigen Projekten im Norden.

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