Hamburger Kiez-Clubs droht Veranstalter-Boykott

18.03.2021 Weil sie auf ihren Wänden wohl auch Corona-Schwurblern Platz geben, werden zwei Hamburger Clubs kritisiert. Konzertveranstalter fürchten um den guten Ruf und wollen die Kiezkultläden boykottieren. Hamburgs Kultursenator kann das verstehen und hofft auf den Sieg der Vernunft.

Menschenleer ist die legendäre Herbertstraße im Rotlichtviertel an der Reeperbahn zu sehen. Foto: Christian Charisius/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Hamburgs wichtigste Konzertveranstalter haben in einem offenen Brief den Boykott von zwei Kiez-Clubs der Hansestadt angekündigt. Zwölf Veranstalter, darunter FKP Scorpio, Karsten Jahnke, Reeperbahn-Festival und Semmel Concerts, kritisieren in dem Brief die Clubs Docks und Große Freiheit 36 wegen der Inhalte ihrer Wandzeitungen vor ihren Türen. Damit würden die Betreiber «zunehmend gefährlichem und demokratiefeindlichem Gedankengut ein Forum» bieten, schreiben die Veranstalter in dem Brief.

Die Clubs suchten «anscheinend den Schulterschluss mit Schwurblern, Verschwörern und jenen, die keinen Widerspruch darin sehen, neben Nazis für Demokratie zu demonstrieren». Unter diesen Bedingungen kämen Veranstaltungen in den beiden Clubs nicht in Frage. Die Betreiber der Clubs waren weder per Mail noch telefonisch für eine Stellungnahme erreichbar.

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) kann die Reaktion der Veranstalter gut verstehen, wie er am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur sagte. «Um es mit dem Songschreiber und Musiker Danny Dziuk zu sagen: "Man darf in diesem Land beinah alles sagen. Nur muss man aber dann auch das Echo ertragen.» Er freue sich, dass die Veranstalter so eindeutig Haltung in einer schwierigen Krise zeigen. «Eine Musikstadt Hamburg ohne Docks und Große Freiheit 36 kann und mag ich mir trotzdem nicht vorstellen. Insofern hoffe ich, dass bei allem verständlichen Frust, auch hier die Vernunft siegt und diese Orte zwar Mythen bleiben, aber nicht mehr Verschwörungsmythen Vorschub leisten.»

In dem Brief fordern Veranstalter die Betreiber auch auf, die Wände abzubauen und künftig persönliche Meinungsäußerungen klar erkennbar darzustellen. Auf den Zetteln vor der Großen Freiheit 36 werden beispielsweise Ärzte mit Aussagen zu überschätzten Todesraten oder mit Grippevergleichen oder der Forderung der Abschaffung der medizinisch fragwürdigen Maskenpflicht zitiert. «Am entstandenen Schaden und unserer konsequenten Ablehnung dieses Gedankenguts ändert das nichts. Indem ihr Falschinformationen streut, instrumentalisiert ihr nicht nur uns und eure eigenen Spielstätten, sondern vor allem die Künstler*innen, die maßgeblich zu eurem vormals guten Namen beigetragen haben.»

Gleichzeitig fordern sie die Betreiber der Clubs zu einer Stellungnahme und einem Lösungsvorschlag auf. Eigenen Angaben zufolge sind die Unterzeichner für mehr als 90 Prozent des Programms in den beiden Clubs verantwortlich.

Kritik an den Texten und Zetteln auf den sogenannten Wandzeitungen vor den beiden Clubs hatte es bereits im Sommer 2020 gegeben. Damals hatte zunächst das Docks und später auch die Große Freiheit 36 mit den Wänden dafür Platz gemacht. Seit Juni weist ein Zettel im Eingangsbereich der Großen Freiheit 36 darauf hin, dass die Wandzeitung den Wissenschaftlern Gehör verleihen will, die in der einseitigen Berichterstattung nur selten oder gar nicht zu Wort kommen. «Wir wünschen uns eine Anregung der Diskussion, einen umfassenden Blick auf so viele Informationen wie möglich und vor allem den Abbau der Angst», ist weiterhin zu lesen.

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