Encrochat-Entschlüsselung: Razzien gegen Hells Angels

28.10.2021 Die Kriminellen glaubten, sie seien mit ihren Encrochat-Handys sicher. Einige Monate lang täuschten sie sich. Der Polizei gelang 2020 die Entschlüsselung. Seitdem folgt Razzia auf Razzia. Dass die Polizei zeitgleich in Berlin und Brandenburg zuschlug, war kein Zufall.

Ein Polizist mit Handschellen und Pistole am Gürtel. Foto: Oliver Berg/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Nach Dealern, Clans und anderen Kriminellen traf es nun auch die Rockerbande Hells Angels. Die Entschlüsselung des Krypto-Messengerdienstes Encrochat im Jahr 2020 ließ schon eine ganze Reihe krimineller Organisationen auffliegen. Am Donnerstag schlugen die Polizeibehörden in Berlin und Brandenburg mit zwei großen Razzien gegen das Rockermilieu zu. Sieben verdächtige Mitglieder der Hells Angels wurden verhaftet, die Polizei durchsuchte insgesamt 24 Wohnungen und andere Räume, wie die Polizei in Potsdam und die Berliner Staatsanwaltschaft mitteilten. Es gehe um organisierte Rockerkriminalität und den Handel mit Rauschgift und Waffen.

In Berlin waren 230 Polizisten seit dem frühen Donnerstagmorgen im Einsatz und durchsuchten 18 Orte. Darunter waren auch Autowerkstätten und Büros in einem kleinen Gewerbegebiet in der Liebermannstraße im Stadtteil Weißensee. Vor dem Gelände standen am Vormittag vermummte Polizisten. Auch Polizeihunde wurden eingesetzt, um nach Rauschgift zu suchen. Die Polizei verhaftete vier verdächtige Mitglieder der Hells Angels.

Das Brandenburger Landeskriminalamt (LKA) durchsuchte sechs Wohnungen und Gewerberäume in Potsdam, Werder, Stahnsdorf und Saarmund. Spezialeinsatzkommandos (SEK) verhafteten drei Mitglieder der Hells Angels im Alter von 38, 41 und 44 Jahren. Ermittelt werde zudem gegen einen weiteren Verdächtigen, sagte ein Polizeisprecher. Es gehe um den Handel mit Rauschgift «in nicht geringen Mengen». Ziel der Durchsuchungen sei die Beschlagnahmung von Beweisen wie Handys, Computer und Vermögen.

Nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Polizei wurden geringe Mengen Betäubungsmittel, Mobiltelefone, Datenträger und Bargeld in Höhe von über 30.000 Euro sowie eine Machete und ein als Taschenlampe getarnter Elektroschocker sichergestellt. Den Angaben zufolge waren 130 Polizisten aus Brandenburg im Einsatz. Laut einem Polizeisprecher gab es für den vierten Verdächtigen keinen Haftbefehl, weil keine Haftgründe vorlagen.

Hinter den Razzien der Berliner und Brandenburger Polizei standen zwar unterschiedliche Ermittlungsverfahren - die Fahnder beider Landeskriminalämter machten sich aber am gleichen Morgen auf den Weg. «Dass wir uns da abgestimmt haben, ist einfach naheliegend. Sonst finden wir nichts mehr», hieß es aus der Polizei.

Nach blutigen Konkurrenzkämpfen vor einigen Jahren war es zuletzt öffentlich etwas ruhiger um die Hells Angels geworden. Die abgehörten und entschlüsselten Nachrichten aus dem Kurznachrichtendienst Encrochat gaben der Polizei aber auch hier die Möglichkeit, Informationen aus dem ansonsten abgeschotteten Rockermilieu zu erhalten.

Die Firma Encrochat bot aufwendige und teure Verschlüsselungen für Handys an, gebraucht wurde das vor allem von Kriminellen. 60.000 Teilnehmer hätten den Chatdienst genutzt, weil es hieß, die Technik sei nicht zu knacken. Der Polizei in den Niederlanden und Frankreich gelang das trotzdem. Abgefangene Chats und Gespräche aus dem Zeitraum April bis Juni 2020 wurden entschlüsselt. Es ging um mehr als 20 Millionen Nachrichten.

Auch die Polizeibehörden in Deutschland erhielten über das Bundeskriminalamt (BKA) diverse Chatverläufe zum Auswerten. Es folgten zahlreiche Razzien im ganzen Land. Im Februar ging etwa das Berliner LKA gegen zahlreiche kriminelle Mitglieder eines arabischstämmigen Clans vor, vor allem wegen Drogen- und Waffenhandels, Körperverletzungen und Steuerhinterziehung. Im Juli zerschlug die Polizei in Brandenburg einen Drogenhändlerring mit mehr als 60 Verdächtigen und beschlagnahmte 160 Kilogramm Marihuana, 60.000 Ecstasy-Tabletten, Crystal Meth, Kokain sowie Waffen, Bargeld, Autos und Schmuck.

Der Berliner Oberstaatsanwalt Georg Bauer hatte schon im Frühjahr über die entschlüsselten Chats gesagt: «Die Ermittlungsbehörden waren über diese Erkenntnisse, um es zurückhaltend auszudrücken, sehr erfreut.» Am Berliner Landgericht soll es zur Bewältigung der Verfahren drei bis fünf zusätzliche Große Strafkammern geben. Gerechnet wird mit 400 zusätzlichen Anklagen - fast eine Verdoppelung des Jahrespensums.

Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) teilte zur Razzia am Donnerstag mit, zu erwarten sei noch eine «hohe Zahl» von Encrochat-Verfahren. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) formulierte es etwas poetischer und nannte Encrochat «eine absolute Goldgrube für die Sicherheitsbehörden».

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