Umzug in Stadt: Hunderte Waschbären sind Berliner geworden

02.10.2021 Wenn mitten in Berlin plötzlich der Rasen umgepflügt ist, muss das kein Wildschwein gewesen sein. Auch Waschbären buddeln auf Nahrungssuche gern herum. Die Hauptstadt haben sie fast unbemerkt erobert.

Ein Waschbär krabbelt aus seinem Versteck auf einem Berliner Dach. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

In Berlin macht sich der Waschbär breit. Der Bestand werde mittlerweile auf mehrere hundert Tiere geschätzt, sagt Derk Ehlert, Referent der Berliner Umweltverwaltung. Sie fänden selbst den Alexanderplatz oder den Breitscheidplatz inzwischen attraktiver als einen Wald. Die wachsende Population führt aber auch zu Kritik - und zu mehr Anrufen beim Wildtiertelefon. Im Schnitt haben 50 Bürgerinnen und Bürger im Monat Fragen zu Waschbären, so Ehlert. Eine davon: Haben die sich verlaufen?

Bestimmt nicht. Waschbären sind in jüngster Zeit Berliner geworden, ohne dass die Hauptstadt viel davon mitbekommen hat. «Die Bestände wurden lange unterschätzt, weil man Waschbären kaum sah», sagt Ehlert. Denn anders als Marder oder Füchse könnten sie gut klettern und sich oberhalb der Sichtachsen verstecken.

Noch vor rund 20 Jahren hat es kaum Waschbären in Berlin gegeben. Vor allem innerhalb der vergangenen zehn Jahre vermehrten sich die Tiere dann so stark, dass ihre Population nun langsam auffalle, sagt Ehlert. «Ich kenne keinen Platz in Berlin, an dem es sie nicht gibt.» Im Moment häuften sich Anfragen. Denn im Herbst fressen sich Waschbären ein Polster für ihre Winterruhe an - und langen dafür auch gern in Gärten zu.

Grund für Ausbreitung und Vermehrung der Waschbären in Berlin seien vor allem das gute Nahrungsangebot, das wärmere Klima sowie fehlende Feinde, erläutert der Wildtierexperte. Die professionelle Jagd ist in besiedelten Gebieten in der Regel verboten.

Die hübsch gezeichneten kleinen Bärchen mit schwarzer Stupsnase und Ringelschwanz sind nicht nur mutig, neugierig und intelligent - sie sind Allesfresser. «Sie nutzen Mülleimer wie Supermärkte», sagt Ehlert. «Sie sind von Jägern zu Sammlern geworden.» Es gibt sogar Vermutungen, dass Städte als Lebensraum die bis zu 70 Zentimeter großen und bis zu 10 Kilo schweren lernfähigen Bärchen noch klüger werden lassen: Im Gegensatz zu ihren ländlichen Artgenossen können manche Mülltonnen öffnen.

Sei ein Berliner Revier besetzt, lieferten sich Waschbären keine Kämpfe, sondern gründeten einfach das nächste, erzählt Ehlert. Wegen der guten Vorratslage, unter anderem durch Essensreste auf den Straßen und in Parks, seien die hauptstädtischen Waschbär-Reviere deutlich kleiner als im Lebensraum Wald. So leben hier nun mehr Tiere auf engerem Raum. Sie sind meist in der Dämmerung und nachts unterwegs.

Mit anderen «wilden» Großstadtbewohnern wie Füchsen und Mardern machen sich Waschbären keinen Stress. Auch mit Hunden und Katzen gebe es außer manchem Streit selten richtig Ärger, sagt Ehlert. Nur für Hühner, Hamster oder andere Kleintiere könnten Waschbären gefährlich werden. Nach europäischen Studien hätten sie aber keinen negativen Einfluss auf die Ökosysteme naturnaher Gebiete.

Waschbären brauchen keine Erdhöhlen, darum können sie auch in der Stadt praktisch überall leben: Unter Containern, in leerstehenden Gemäuern, in Laubenkolonien oder auch auf unausgebauten Dachböden. «Wenn es da nicht mehr trippelt, sondern rumst, ist das ein Waschbär», sagt Ehlert.

Der vergleichsweise regenreiche Sommer habe in diesem Jahr das natürliche Nahrungsangebot für Waschbären vergrößert. Da sich Junikäfer prächtig vermehrten, suchten Waschbären nun gern unter gepflegten Rasenflächen nach Engerlingen. Beim Sattfressen unter der Grasnarbe könnten sich ganze Soden lösen - und so manchem Hausbesitzer eine unliebsame Überraschung bereiten. «Den Rasen dann einfach wieder feststampfen», rät Ehlert. Es sei unmöglich, Waschbären ihr Verhalten auszureden.

Ursprünglich sind die Tiere in Nordamerika zu Hause. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie zur Pelzgewinnung auch in Deutschland gezüchtet. Berlins Waschbären gehören zur mecklenburgisch-brandenburgischen Population mit Ursprung in Wolfshagen. Ende des Zweiten Weltkrieges entkamen dort einige Exemplare aus einer Pelztierfarm. Die Berliner Mauer habe nichts damit zu tun, dass Waschbären erst seit rund 25 Jahren in die Hauptstadt ziehen, sagt Ehlert. Es habe eben gedauert, bis die Population groß genug wurde.

Das sieht der Senat inzwischen auch als Problem. «In urbanen Bereichen leben Waschbären in einer deutlich höheren Dichte als in naturnahen Gebieten», antwortete der Senat kürzlich auf eine Anfrage. Künftig solle «die Dichte der Waschbären im Stadtgebiet wieder verringert werden», auch um andere Tierarten zu schützen.

Der Jagdverband kritisierte, es handele sich um eine gebietsfremde Art. «Der Waschbär ist auf einer EU-Liste von Arten, die eingedämmt werden sollen, weil sie großen Schaden in der heimischen Tierwelt anrichten.» Der Waschbär habe sich in Wasserlebensräumen breit gemacht und bedrohe Vogelarten und Amphibien. «Die Kleinbären suchen gezielt Krötenzäune im Frühjahr ab und bedienen sich.» Die heimische Artenvielfalt müsse geschützt werden. «Deshalb muss der Waschbär bejagt werden. Das geht sehr effektiv mit Lebendfallen, die in Berlin verboten sind.»

Der Senat setzt stattdessen auf Müllvermeidung, vor allem in Parks. In diesem Jahr startete das Pilotprojekt «Waschbär-Vor-Ort-Beratung» für den Fall, dass sich die Tiere in Wohngebäuden einquartieren. Ihr Verhalten ändern müssen aber wohl eher die zweibeinigen Berliner. «Ein erster sinnvoller Schritt für ein entspanntes Nebeneinander wäre, den Tieren das Schlaraffenland Stadt ungemütlicher zu machen», heißt es in einem Waschbär-Flyer. Sprich: weniger Essbares draußen herumliegen zu lassen.

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