Spannung vor Superwahlsonntag mit vier Abstimmungen

24.09.2021 Der Superwahlsonntag in Berlin verspricht Spannung pur. Der Ausgang ist sowohl im Hinblick auf den neuen Bundestag als auch das neue Abgeordnetenhaus offen. Und als wäre das nicht schon genug, dürfte eine weitere Abstimmung für Schlagzeilen sorgen.

Wahlscheine liegen nebeneinander auf einem Tisch. Foto: Jörg Carstensen/dpa/Illustration © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Superwahltag in der Hauptstadt: Die Berlinerinnen und Berliner wählen am Sonntag nicht nur einen neuen Bundestag, sondern auch ein neues Abgeordnetenhaus und zwölf neue Bezirksparlamente. Außerdem können sie bei einem Volksentscheid darüber abstimmen, ob große Wohnungskonzerne enteignet werden sollen. Nach Angaben der Landeswahlleitung gab es in Berlin noch nie derart viele Abstimmungen an einem Tag.

Für die Wahl zum Abgeordnetenhaus sind 2,45 Millionen Menschen wahlberechtigt - und es ist bis zuletzt spannend. In jüngsten Umfragen hatte die SPD mit ihrer Spitzkandidatin, Ex-Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, zwar die Nase mit 21 bis 24 Prozent vorn. Die Grünen mit ihrer Kandidatin Bettina Jarasch lagen je nach Umfrage mehr oder weniger dicht dahinter bei 17 bis 20 Prozent.

Die CDU mit ihrem Spitzenmann Kai Wegner (CDU) kam in jüngsten Erhebungen von Donnerstag und Freitag auf 15 bis 17 Prozent, die Linke mit Klaus Lederer an der Spitze auf 12 bis 14 Prozent. Auch AfD (8-11 Prozent) und FDP (7-9 Prozent) haben gute Chancen, erneut in das Landesparlament einzuziehen.

Nach den Umfrage-Ergebnissen hätte die 2016 gebildete rot-rot-grüne Koalition eine Mehrheit und könnte weitermachen. Das ist aber kein Automatismus. Möglich scheinen auch andere Dreierbündnisse, etwa von SPD, CDU und FDP oder SPD, Grünen und FDP, wobei letztere Variante - im Unterschied zum Bund - in Berlin als wenig wahrscheinlich gilt.

Giffey vermied im Wahlkampf, der vor allem geprägt war von den Themen Mieten und Wohnen, Verkehr, Klimaschutz, Bildung und Corona, eine Koalitionsaussage. Sie bekannte sich also auch nicht zur Fortsetzung des Bündnisses mit Linken und Grünen. In etlichen Themenfeldern sah es eher nach Gemeinsamkeiten mit der CDU aus. Die bisherigen Koalitionspartner Grüne und Linke kritisierten das. Sie wollen «R2G», wie Rot-Rot-Grün genannt wird, fortsetzen.

2016 hatte die SPD die Wahl mit 21,6 Prozent der Zweitstimmen gewonnen - ihrem schlechtesten Ergebnis in Berlin seit 1946. Die CDU erreichte 17,6 Prozent und sank damit ebenfalls auf ein historisches Tief. Die Linke kam auf 15,6 Prozent, die Grünen auf 15,2 Prozent. Die AfD war mit 14,2 Prozent erstmals in das Abgeordnetenhaus eingezogen, die FDP schaffte 6,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag damals bei 66,9 Prozent.

Egal wie das Wahlergebnis am Sonntag ausfällt - Berlin bekommt in jedem Fall eine neue Rathauschefin oder einen neuen Rathauschef. Denn der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) kandidiert für den Bundestag. Beste Chancen, ihn abzulösen, haben nun mit Giffey und Jarasch zwei Frauen. In dem Fall hätte Berlin seine erste Regierende Bürgermeisterin, wenn auch nicht die erste Frau, die die Geschicke der Stadt leitet. Denn 1947/1948 amtierte die SPD-Politikerin Louise Schroeder kommissarisch als Oberbürgermeisterin im Nachkriegs-Berlin.

Das Abgeordnetenhaus besteht aus mindestens 130 Abgeordneten, aktuell sind es durch Überhang- und Ausgleichsmandate 160. Dieses Mal bewerben sich 34 Parteien mit Landes- oder Bezirkslisten um die Zweitstimmen der Wählerinnen und Wähler. 2016 waren es 21.

In den 78 Wahlkreisen bewerben sich 812 Menschen um ein Direktmandat - 160 mehr als bei der letzten Wahl 2016. Auf den 34 Listen kandidieren 788 Personen (+120). Der Frauenanteil liegt bei 38,0 Prozent, 7,8 Prozentpunkte höher als vor fünf Jahren. Das Durchschnittsalter aller Bewerberinnen und Bewerber ist mit 45,7 Jahren geringfügig höher als damals (45,5 Jahre).

Wegen der Corona-Pandemie wurde die Zahl der Urnen-Wahllokale von zuletzt 1779 auf 2257 erhöht und die Briefwahlbezirke von 660 auf 1507. In den Wahllokalen, die von 08.00 bis 18.00 Uhr geöffnet sind, gelten diverse Hygienemaßnahmen. Es wird erwartet, dass unter anderem wegen Corona eine Rekordzahl an Menschen per Briefwahl abstimmt. 2016 entfielen 29,2 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Briefwähler, bei der Bundestagswahl 2017 waren es in Berlin 33,4 Prozent.

Beim Volksentscheid geht es um die Frage, ob Immobilienunternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen und einer «Gewinnerzielungsabsicht» vergesellschaftet, also gegen Entschädigung enteignet werden sollen. Die Initiative «Deutsche Wohnen & Co enteignen» glaubt, auf diese Weise den Anstieg der Mieten in Berlin stoppen und langfristig bezahlbare Mieten sichern zu können.

Die Abstimmung gilt als erfolgreich, wenn es mehr Ja- als Nein-Stimmen gibt und mindestens ein Viertel der Wahlberechtigten, also rund 612 000 Berlinerinnen und Berliner, dafür sind. Allerdings ist das Ergebnis des Volksentscheids rechtlich nicht verbindlich, weil die Wähler nicht über einen konkreten Gesetzentwurf abstimmen. Gleichwohl werden sich der neue Senat und das neue Abgeordnetenhaus mit dem Votum auseinandersetzen müssen, egal wie es ausgeht.

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