Experten: Berlin muss sich auf extremeres Wetter einstellen

03.08.2021 Starkregen und Hitze sind auch für Berlin ein Problem. Experten fordern, Wasser nicht einfach in der Kanalisation verschwinden zu lassen. Sie wünschen sich mehr Flächen, auf denen es versickern kann, und mehr grüne Dächer.

Das Logo von NABU, Naturschutzbund Deutschlands, hängt am Eingang der Geschäftstelle im Bezirk Mitte. Foto: Wolfgang Kumm/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Großstädte wie Berlin müssen sich nach Einschätzung von Experten ebenfalls auf die Folgen des Klimawandels einstellen. Das betreffe sowohl häufigeren Starkregen als auch mehr Hitzetage, sagte Juliana Schlaberg vom Berliner Landesverband des Naturschutzbunds (Nabu) der Deutschen Presse-Agentur. Zwar sei die Ausgangslage nicht mit den von der Flutkatastrophe im Juli betroffenen Regionen wie an der Ahr in Rheinland-Pfalz zu vergleichen. Starkregen sei aber auch für Berlin ein Problem, wenn die Kanalisation die Regenfälle nicht aufnehmen könne.

Außerdem bestehe die Gefahr, dass Gewässer bei großen Regenmengen über die Ufer treten, sagte die Naturschutzexpertin. «Da laufen dann die Keller voll.» Ein Problem in der Großstadt ist, dass das Regenwasser abgeleitet werden soll. «Wir haben Gullys an jeder Straße, also versickert das Wasser nicht, sondern wird in die Kanalisation geleitet, die hat aber ein relativ geringes Fassungsvolumen», sagte Schlaberg. «Und bei Starkregenereignissen, die künftig häufiger vorkommen können, wird das Wasser zum Beispiel in die Spree eingeleitet, weil die Kanalisation es einfach nicht mehr fassen kann.»

Gleichzeitig seien Hitzetage ein zunehmendes Problem. «Der Klimawandel ist da, die Temperatur hat sich erhöht», so die Nabu-Expertin. In Großstädten gebe es außerdem einen Hitze-Insel-Effekt: In der Innenstadt mit vielen dicht bebauten Bereichen sei es mehrere Grad wärmer als im Umland, wo es Wasser- und Grünflächen sowie Wälder gibt, die durch Verschattung und Verdunstung für Kühle sorgen könnten. «In die Innenstadt kommt außerdem der Wind teilweise gar nicht, weil es dort so verbaut und die Luftzirkulation eingeschränkt ist.»

Für die Zukunft erwartet Schlaberg, dass Hitze in Berlin noch mehr zum Problem wird. «Es gibt jetzt schon mehr Hitzetage, an denen es in den Nächten nicht unter 20 Grad abkühlt. Und das ist körperlich total anstrengend, gerade für Ältere.» Das sieht Berlins Umweltsenatorin Regine Günther ähnlich: «Wir werden auch hier Temperaturen haben, die bisher nicht vorstellbar waren. Und darauf müssen wir uns einrichten», sagte die Grünen-Politikerin. «Die Stadt muss umgebaut werden - um bei Hitzetagen lebenswert zu bleiben.»

Für Heiko Sieker hängen die Themen Starkregen und Hitze eng zusammen: «Der Hitze-Insel-Effekt ist auch eine Folge davon, dass Städte zu stark entwässert und zu trocken sind», erklärte der Experte für Urbane Hydrologie an der TU Berlin. «Das Ziel muss sein, das Wasser nicht in die Kanalisation zu leiten, sondern versickern und verdunsten zu lassen. Gerade im Blick auf Hitze ist Verdunstung wichtig: Verdunstung erzeugt Kühle.»

Sieker hält den Umgang mit Regenwasser für eine große Schwachstelle in Deutschland. Schon die Formulierung Regenwasserentsorgung zeige den falschen Blick auf das Thema. «Regenwasser muss nicht entsorgt werden. Das ist eine Ressource.» Um sie nicht zu vergeuden, sei zum Beispiel deutlich mehr Dachbegrünung nötig. «Damit lässt sich auch Wasser speichern, das ist eine sehr sinnvolle Sache.»

Wasser möglichst nicht in der Kanalisation verschwinden, sondern versickern und verdunsten zu lassen, ist die zentrale Idee des Schwammstadtkonzeptes. Gründächer sind ein Teil davon, Versickerungsmulden für Neubaugebiete ein weiterer - Berlin setzt bereits auf beides.

Aus Sicht von Umweltsenatorin Günther ist Entsiegelung eines der wichtigsten Themen bei der Anpassung der Stadt an die Folgen des Klimawandels - aber auch eins der schwierigsten. Beim Entsiegeln gehe es um die Frage, wie Fläche genutzt werde. «Fläche ist die neue Währung», sagt die Umweltsenatorin. «Und eins der höchsten Güter in der Stadt.»

Dass Flächen - etwa bei Neubauprojekten - versiegelt werden, ist deshalb ein Problem, das aus Günthers Sicht Kompensationsmaßnahmen zwingend nötig macht. Die Dachbegrünung sieht auch Günther hier als einen Mosaikstein. «Es muss aber noch deutlich mehr in grüne Dächer investiert werden.» Ein weiterer: «Zum Beispiel weniger Flächen für Parkplätze», sagte die Grünen-Politikerin. «Man kann auch überlegen, ganze Straßen ganz anders zu gestalten und ganze Straßen zu entsiegeln.» Das funktioniere allerdings nicht für die ganze Stadt.

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