Zehntausende Menschen feiern und protestieren am CSD

26.07.2021 Der Christopher Street Day stand in diesem Jahr wieder ganz im Zeichen der Pandemie: Die Veranstalter betonten zuvor den Protest-Charakter des diesjährigen Umzugs. Trotz Abstandsregeln, Maskenpflicht und Alkoholverbot kamen Zehntausende Menschen.

Tausende Menschen nehmen an der Parade des Christopher Street Day (CSD) teil. Foto: Jörg Carstensen/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Zehntausende haben am Samstag am Berliner Christopher Street Day (CSD) für die Rechte queerer Menschen demonstriert, getanzt und gefeiert. Die Polizei hatte am Nachmittag zunächst rund 36 000 Teilnehmende gezählt. Am Sonntag sprachen die Einsatzkräfte von einer hohen fünfstelligen Zahl von Demonstrierenden. Am Abend gab es weitere Kundgebungen mit Hunderten und teilweise tausenden Menschen, unter anderem in Kreuzberg und Neukölln. Dort kam es am Abend zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Aufgrund der Corona-Krise hatten die Veranstalter statt der üblichen CSD-Parade mit ausgeprägtem Party-Charakter vor allem das politische Element des Umzugs betont. Sie hatten zuvor ein striktes Alkoholverbot ausgesprochen. Immer wieder riefen die Organisatoren gemeinsam mit der Polizei dazu auf, Maskenpflicht und Abstände einzuhalten. Zahlreiche Menschen ignorierten allerdings vor allem die Maskenpflicht. Zwischenzeitlich musste der Zug angehalten werden. Reduziert war zudem die Zahl der Lautsprecher-Lastwagen. Aus den Boxen drangen nicht nur Techno-Musik, sondern häufig auch politische Reden.

Das Motto «Save our Community - save our pride» sollte neben der Einforderung von Rechten Homosexueller auch auf die schwierige Situation vieler queerer Einrichtungen aufmerksam machen, die aufgrund der Krise um ihre Existenz bangen. Als queer bezeichnen sich nicht-heterosexuelle Menschen beziehungsweise Menschen, die sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen gesellschaftlichen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren.

Der Demo-Zug startete am frühen Nachmittag in der Leipziger Straße und zog von dort über den Potsdamer Platz, das Brandenburger Tor und die Siegessäule bis nach Schöneberg. Unter den Demonstranten war auch Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke). Ursprünglich waren lediglich 20 000 Menschen erwartet worden.

Teilnehmende äußerten Verständnis für die Maßnahmen und lobten den friedlichen Ablauf des Umzugs. Aufgrund der Sicherheitsabstände zog sich dieser laut Polizei stark in die die Länge. Die Polizei setzte deshalb zur besseren Übersicht einen Hubschrauber ein. Ganz ohne Party mussten die vielen Menschen den Tag aber nicht ausklingen lassen. Zahlreiche Clubs und Kneipen luden für den Abend und die Nacht zur Afterparty ein, darunter auch das renommierte Berghain.

Bei einer queeren Demonstration in Berlin-Kreuzberg und -Neukölln kam es am Samstagabend zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Teilnehmern und der Polizei. Auslöser war wohl das Auftreten eines 42-jährigen Ordners im Bereich Reichenberger/Mariannenstraße, wie die Polizei erst am späten Sonntagnachmittag mitteilte. Durch ihn hätten sich Journalisten und Journalistinnen in ihrer Arbeit eingeschränkt gefühlt. Der Mann soll sie mehrfach mit einem Handlautsprecher angebrüllt haben.

Nachdem Beamte ihn daraufhin vorläufig festgenommen und zu einem Polizeifahrzeug gebracht hatten, umstellten den Angaben zufolge 50 bis 80 Menschen den Wagen und verhinderten so, dass er abfahren konnte. Dazu seien «polizeifeindliche Sprechchöre skandiert» worden.

In der Folge seien rund 300 weitere Demonstrationsteilnehmer auf das Fahrzeug zumarschiert, denen sich Polizisten in den Weg gestellt hätten. Anschließend hätten Demonstranten Beamte geschlagen und getreten, während Einsatzkräfte «gezielt körperliche Gewalt in Form von Schlägen gegen die Aggressoren unter den Teilnehmenden» eingesetzt hätten.

Schließlich habe der Polizeiwagen zur Wiener Straße weiterfahren können, wo der Ordner «nach Abschluss polizeilicher Maßnahmen» entlassen worden sei. Unter anderem wurden Anzeigen wegen eines Verstoßes gegen das Vereinsgesetz, eines besonders schweren Landfriedensbruchs und einer versuchten Nötigung gefertigt. Über den Tag verteilt seien außerdem diverse Anzeigen unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Widerstands und Verstößen gegen die Infektionsschutzverordnung geschrieben worden.

Die CSD-Parade geht auf die Ereignisse Ende Juni 1969 in New York zurück: Polizisten stürmten damals in Manhattan die Homosexuellen-Bar «Stonewall Inn» in der Christopher Street und lösten einen Aufstand von Schwulen, Lesben und Transsexuellen gegen willkürliche Kontrollen und Schikanen aus.

Dass queere Identitäten nach wie vor auch in Berlin mit Diskriminierung und Feindseligkeit zu kämpfen haben, zeigten am Samstag und Sonntag mehrere Vorfälle. Der wohl gravierendste ereignete sich in Schöneberg, wo laut Polizei am Abend drei CSD-Teilnehmer - zwei Männer und eine Frau - nach deren Angaben aus einer größeren Gruppe angegriffen und homofeindlich beleidigt worden wurden.

Alle drei erlitten den Angaben zufolge leichte Verletzungen. Als Polizisten später die mutmaßlichen Täter am U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz stellten, wurden auch zwei Beamte verletzt. Zwei 22 und 18 Jahre alte Tatverdächtige und eine 19-Jährige kamen vorübergehend in Gewahrsam. Es ermittelt der Polizeiliche Staatsschutz.

In einer U-Bahn der Linie U1 beleidigte mutmaßlich ein 18-Jähriger ein schwules Paar homofeindlich und schlug schließlich zu, bevor er in der Nähe der Station Schlesisches Tor von Polizisten festgenommen wurde. In Moabit wiederum beschädigten Unbekannte eine Gedenktafel am Magnus-Hirschfeld-Ufer, das laut Polizei die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung in Deutschland thematisiert. Und in Mitte griffen in der Nacht zum Sonntag zwei Männer einen 21-Jährigen an, aus dessen Rucksack eine Regenbogenfahne herausragte. Er wurde verletzt.

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