Kimmich-Debatte: «Vorbild sein keine Rechtsverpflichtung»

26.10.2021 In der Diskussion um den Impfstatus von Joshua Kimmich nimmt der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission den Fußball-Nationalspieler in Schutz. Auch die Bayern-Bosse stützen den Spieler. Von juristischer Seite gibt es eine eindeutige Feststellung.

Deutschlands Joshua Kimmich reagiert im Spiel. Foto: Federico Gambarini/dpa/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Vor dem Pokal-Duell des FC Bayern ist in der hitzigen Impfdebatte um Joshua Kimmich bei aller Kritik und Warnung Mäßigung angemahnt worden. Neben der erwartbaren Rückendeckung aus dem Profifußball und von Clubseite empfindet auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, die emotionale Diskussion als überzogen. «Es ist die persönliche Entscheidung von Kimmich, und die soll es auch bleiben! Die Debatte um Kimmich ist ein grenzenloser Unfug», sagte Mertens (71) der «Bild».

Kimmichs FC Bayern tritt am Mittwoch (20.45 Uhr/ARD und Sky) im DFB-Pokal bei Borussia Mönchengladbach an. Dort fehlt Trainer Julian Nagelsmann nach einer Corona-Infektion. «Ich merke ja selbst, wie ein Symptomverlauf ist, wenn man geimpft ist. Und ich weiß aus gewissen Klinikkreisen, wie es andersrum sein kann, wenn man nicht geimpft ist», sagte Nagelsmann. «Ich plädiere nach wie vor dafür, sich impfen zu lassen. Aber es ist ein persönliches Thema. Und jeder darf das für sich entscheiden als erwachsener Mensch.»

Der 34-jährige Nagelsmann findet es «trotzdem wichtig, dass es Meinungen gibt und nicht alles gleich ist. Davon lebt auch eine Demokratie, dass man über Meinungen diskutiert.»

Kimmich hatte am Wochenende nach dem 4:0 der Münchner gegen Hoffenheim eingeräumt, bislang nicht gegen das Coronavirus geimpft zu sein. Das hatte bei teilweisem Verständnis heftige Kritik zur Folge gehabt. Der langjährige Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ist über die Wucht der öffentlichen Diskussion keineswegs verwundert. «Corona verfolgt uns jetzt seit anderthalb Jahren. Es überrascht mich nicht, dass es jetzt ein großes Politikum ist», sagte der 66-Jährige am Rande der Premiere einer Doku-Serie über den FC Bayern in München: «Man sollte die Kirche trotzdem im Dorf lassen.»

Das sieht Mertens, Vorsitzender der Stiko, die Empfehlungen für die Anwendung von Impfstoffen in Deutschland ausspricht, ähnlich. Man würde niemals über private medizinische Entscheidungen von Kimmich diskutieren, «wäre er als Fußball-Profi nicht derart exponiert», sagte Mertens.

Die bei aller Faktenlage trotzdem sehr emotionale Impfdiskussion wird bei einem Bayern-Star der Kategorie Kimmich noch etwas hitziger als ohnehin geführt. Dabei geht es auch um die Frage, ob Kimmich Vorbild sein muss oder auch als Vorbild seine persönlichen Bedenken haben darf. Durch seine Worte und das Werben für «Solidarität» bei seiner Hilfsorganisation «We Kick Corona» hat er selbst die Messlatte aber auch hoch gelegt.

Gerade Sportler sollten «mit gutem Beispiel vorangehen und sagen, ich lasse mich impfen», sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Dienstag in München. «Für die allermeisten Sportler, die ich kenne, gilt das auch.»

Rummenigge plädierte dafür, beim Impfen keinen Druck auf den Nationalspieler auszuüben. «Wenn ich einen Spieler kenne, der extrem verantwortlich und vorbildlich mit vielen Dingen im Leben umgegangen ist, dann war es immer Joshua», erinnerte Rummenigge an seine Zeit als Vorstandschef. «In dem Fall, glaube ich, wird er dementsprechend irgendwann die richtige Entscheidung fällen», bemerkte Rummenigge in Bezug auf eine immer noch mögliche Corona-Impfung von Kimmich.

Der aktuelle Vorstandschef Oliver Kahn will keinen öffentlichen Druck auf Kimmich ausüben. «Letztendlich muss man das respektieren, wenn der eine oder andere eben eine andere Meinung hat», ergänzte Kahn. «Es ist ganz wichtig - und es ist unsere Pflicht als Verein, ständig Aufklärungsleistung zu zeigen.»

Club-Ehrenpräsident Uli Hoeneß sieht die Medien als Triebfeder der heftigen Impfdebatte um Kimmich. «Sie sind doch verantwortlich für den Tsunami», sagte der 69-Jährige am Rande der Premiere der Doku-Serie «FC Bayern - Behind The Legend», die vom 2. November an bei Amazon Prime Video gezeigt wird, zu den Reportern.

Die Sorgen Kimmichs, der «persönlich noch ein paar Bedenken» wegen fehlender «Langzeitstudien» anführte, hatte Mertens im Interview der Deutschen Presse-Agentur zurückgewiesen. Er hatte unter Verweis auf Zulassungsstudien erklärt, dass es bisher nur «zu einigen Nebenwirkungen gekommen ist, die alle recht kurze Zeit nach der Impfung aufgetreten sind.»

Ingo Froböse, Professor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln, warnte vor Langzeitfolgen bei ungeimpften Sportlern durch Long-Covid. Auch Kimmich gehöre zur gefährdeten Gruppe, nach einer möglichen Corona-Infektion möglicherweise an Spätfolgen zu leiden.

«Das Risiko, das er hier eingeht, ist ziemlich groß. Die großen Probleme bei den nichtgeimpften Sportlern ergeben sich durch Long-Covid», sagte Froböse am Dienstag im ARD-Morgenmagazin. Long-Covid sei eine Langzeitfolge «und was für eine», sagte der Sportwissenschaftler. Diese könne im schlimmsten Fall, wie schon bei anderen Sportlern eingetreten, zum Karriereende führen.

Der Impfstatus wird Kimmich nach Einschätzung des Arbeitsrechtlers Gregor Thüsing zumindest nicht daran hindern, weiter als Profi anzutreten. Zwar müsse sich der 26-Jährige vor den Partien auf Corona testen lassen, für eine Impfung bestehe aber keine rechtliche Verpflichtung, sagte der Professor für Arbeitsrecht an der Universität Bonn der Deutschen Presse-Agentur. Anders sei das etwa bei Fans. Ihnen kann nach aktueller Gesetzeslage der Zutritt zum Stadion verweigert werden, wenn sie weder genesen noch geimpft sind.

Kimmich wäre «freilich ein Vorbild», wenn er sich impfen lassen würde, sagte Thüsing. «Aber Vorbild zu sein, ist nun mal keine Rechtsverpflichtung, sondern eine eher moralische Verpflichtung.»

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