Mordprozess wegen Fahrt in Gegenverkehr

08.06.2021 Ein Mann rast mit seinem Auto in den Gegenverkehr und tötet einen Familienvater - nun steht der 57-Jährige vor Gericht. Angeklagt ist er wegen Mordes. Er selbst spricht von einer Kurzschlussreaktion, hervorgerufen durch Angst und Sorge wegen der Corona-Pandemie.

Ein wegen Mordes Angeklagter, der seinen Transporter in den Gegenverkehr gesteuert und so einen Autofahrer getötet haben soll, sitzt zum Prozessauftakt im Rollstuhl in einem Gerichtssaal vom Landesgericht München II. Foto: Matthias Balk/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Offenbar in Panik und aus Sorge wegen der Corona-Pandemie soll ein Mann in suizidaler Absicht im Landkreis Starnberg mit einem Transporter in den Gegenverkehr gerast sein und so den Tod eines 64-Jährigen verursacht haben. Nun muss sich der Mess- und Regeltechniker aus Germering (Landkreis Fürstenfeldbruck) seit Dienstag vor dem Landgericht München II verantworten. Die Anklage wertet die Tat im April 2020 als Mord aus niedrigen Beweggründen, Heimtücke und mit gemeingefährlichen Mitteln. Die Familie des Getöteten tritt in der Nebenklage auf.

Der Angeklagte habe seinen Transporter «in völliger Verachtung gegenüber Wohl und Leben des ihm unbekannten Geschädigten» in das Fahrzeug seines Opfers gesteuert, sagte die Staatsanwältin. Dass und wie viele Menschen ihr Leben verlieren würden, sei ihm gleichgültig gewesen. Er sei von keiner aktuellen Gefühlsregung gegenüber möglichen Opfern geleitet worden und habe mit Vorbedacht entschieden, seinem und einer unbekannten weiteren Anzahl von Leben ein Ende zu setzen.

Laut Anklage hatte der Mann kurz vor dem Aufprall beschleunigt und war mit 120 Stundenkilometern in das entgegenkommende Auto gerast. Der Wagen des Opfers schleuderte nach dem heftigen Aufprall von der Straße und kam an einem Baum zum stehen. Der 64-Jährige Familienvater am Steuer starb, während der Angeklagte in seinem Transporter schwer verletzt überlebte und seitdem auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Der 57-jährige Deutsche sagte vor Gericht, er habe in den Tagen zuvor ein paar Mal an Selbstmord gedacht. «Ich habe den Gedanken schnell wieder weggeschoben», erklärte er. Schlimme Bilder von Corona-Kranken und Toten seien ständig in seinem Kopf gewesen. «Überall in der Arbeit, in der S-Bahn, in den Nachrichten, nur noch Corona», sagte er. «Ich wollt eigentlich nimmer leben.» Auch mit seiner Lebensgefährtin habe es Streit gegeben. Er habe sich sehr um ihre Gesundheit gesorgt und habe nicht gewollt, dass sie wieder arbeiten gehe.

Die Tat an jenem Apriltag beschreibt er als Kurzschluss, «wie wenn Sicherungen rausfliegen». Die schlimmen Gedanken hätten ihn verfolgt. «Das wurde dann so stark, dass ich in den Gegenverkehr gefahren bin.»

Der Nebenklage-Anwalt warf dem 57-Jährigen vor, sich seit dem Unfall nicht bei den Angehörigen entschuldigt zu haben. Er habe eine ganze Familie ins Elend gestürzt. Theoretisch hätten auch die Töchter des Getöteten mit im Auto sitzen können. «Das tut mir wahnsinnig leid», sagte der Angeklagte, dem zwischendurch die Tränen kamen. Für seine Tat gebe es keine Entschuldigung.

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