Studie belegt Fachkräftemangel in Südwest-Kitas

24.08.2021 Damit in Kitas optimale Bedingungen herrschen, braucht es viel mehr Erzieherinnen als in diesem Jahrzehnt ausgebildet werden können. Jetzt ist das Land gefragt. Denn das Interesse der Eltern an einer Betreuung ihres Nachwuchses wächst.

Mehrere Bobbycars stehen auf dem Spielplatz eines Kindergartens. Foto: Christian Charisius/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der Fachkräftemangel in baden-württembergischen Kitas ist akut und könnte dem Land große Probleme bringen. Trotz eines deutlichen Personalausbaus wird es im Südwesten einer Studie zufolge schwerfallen, ausreichend Erzieherinnen und Erzieher für die starke Nachfrage in der Kinderbetreuung einzustellen. Das machen Analysen deutlich, die die Bertelsmann-Stiftung am Dienstag in Gütersloh vorgelegt hat. Die Reaktionen aus Politik und Wirtschaft sind eindeutig.

DIE ERGEBNISSE: Laut dem erstmals veröffentlichten «Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule» werden in Baden-Württemberg bis zum Jahr 2030 rund 36.000 Menschen in den Kita-Beruf eintreten. Das werde aber bei weitem nicht reichen, rechnet die Stiftung vor. Denn um in allen Kitas eine kindgerechte Personalausstattung nach wissenschaftlichen Empfehlungen sowie ausreichend Plätze zu sichern, würden mehr als 33.000 weitere Erzieherinnen und Erzieher benötigt. «Diese Lücke ist bis 2030 weder durch die Aufstockung der Ausbildungskapazitäten zu schließen, noch lassen sich bis dahin genügend Quereinsteiger gewinnen und pädagogisch qualifizieren», heißt es in der Studie.

Und das ist nicht alles: Soll bis zum Ende dieses Jahrzehnts auch die Leitungsausstattung auf ein professionelles Niveau gehoben werden, erhöht sich die Zahl der fehlenden Fachkräfte auf mehr als 41.000.

DER LÄNDERVERGLEICH: Sorgen bereiten den Experten unter anderem die nach wie vor ungleichen Voraussetzungen in Ost und West. So besuchten im vergangenen Jahr nur 30 Prozent der unter Dreijährigen in Baden-Württemberg Kitas oder die Kindertagespflege. Im Vergleich zu 2007 seit das zwar ein deutlicher Anstieg, damals waren es etwas über elf Prozent. Diese sogenannte Teilhabequote ist in den ostdeutschen Bundesländern mit durchschnittlich 53 Prozent aber deutlich höher.

Im Osten muss eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft allerdings auch 5,5 Krippenkinder betreuen, in Baden-Württemberg kann sie sich drei Jungen und Mädchen widmen. «Von gleichwertigen Lebensverhältnissen in der frühkindlichen Bildung ist Deutschland also nach wie vor weit entfernt», kritisiert die Bertelsmann-Stiftung.

DER PERSONALSCHLÜSSEL: Er gilt als die zentrale Stellschraube für Kita-Qualität: «Wenn Kinder in schlechten Betreuungssettings sind, weil zu wenig Personal da ist, dann gefährden wir ihre Entwicklung - etwa in sprachlicher, motorischer oder emotionaler Hinsicht», sagt Annette Stein, die an der Studie mitgearbeitet hat. «Egal wie gut eine Fachkraft ausgebildet ist: Wenn sie sich um zu viele Kinder kümmern muss, kann sie maximal eine Betreuung gewährleisten.» Von frühkindlicher Bildung könne dann keine Rede mehr sein.

Die gute Nachricht: Die Personalschlüssel von allen Gruppentypen sind in Baden-Württemberg besser als der westdeutsche Durchschnitt. Bei Krippengruppen und fast auch bei den Gruppen mit unter Vierjährigen werden die empfohlenen Quoten erreicht, bei den Kindergartengruppen liegt Baden-Württemberg sogar besser. Aufholen muss das Land beim Kindergarten ab zwei Jahren und in den altersübergreifenden Gruppen. Genau dort fehlt laut Studie das Personal, um die wissenschaftlichen Empfehlungen für eine kindgerechte Qualität zu erfüllen.

DER AUSBLICK: Ihre Prognosen zeigten aber auch, dass es durchaus möglich ist, das «doppelte Ost-West-Gefälle» noch in diesem Jahrzehnt aufzulösen, sagt Kathrin Bock-Famulla, Bildungsexpertin der Bertelsmann-Stiftung. «Dafür müssen die Ausbildungskapazitäten aufgestockt und genügend Quereinsteigerinnen und -einsteiger gewonnen sowie pädagogisch qualifiziert werden.» Sie schätzt die Lücke unter diesen Voraussetzungen im Südwesten auf ungefähr 20 000 Personen.

Das Land dürfe keine Zeit verlieren, sagt Bock-Famulla. Es müsse jetzt mit dem Ausbau der Kita-Plätze und Ausbildungskapazitäten begonnen, zusätzliche Berufsschullehrer und -lehrerinnen müssten geworben werden. «Trotz sinkender Geburtenzahlen dürften keine Fachkräfte entlassen werden», mahnt die Expertin. Freiwerdende Stellen müssten dringend wieder besetzt, Personal gebunden werden.

DIE REAKTIONEN: Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg, Monika Stein, sagte: «Es wird allerhöchste Zeit umzusteuern.» Die Unzufriedenheit der Fachkräfte steige wegen Überlastung und mangelnder Wertschätzung, während der Nachwuchs fehle. «Gute Bildung ist nicht zum Nulltarif zu haben.» Verdi habe die Landesregierung immer wieder dazu aufgefordert, in die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte zu investieren, sagte Landesbezirksleiter Martin Gross. «Nicht einmal gemeinsame Appelle mit den kommunalen Spitzenverbänden und der Bundesagentur für Arbeit haben uns entscheidend vorangebracht, das muss sich durch dieses Alarmsignal, das uns die Studie sendet, dringend ändern.» Das Kultusministerium habe sich gern hinter den positiven Werten der Personalschlüssel versteckt. «Betrachtet man die Praxis anstelle der Theorie, dann zeigt sich, dass es da eine eklatante Lücke gibt.»

Auch die Metallarbeitgeber sprechen angesichts der Lücke von bis zu 33 000 Erzieherinnen und Erziehern von einem «Alarmsignal». «Die Unterversorgung mit Kita-Plätzen ist zudem ein Nachteil im Wettbewerb mit anderen Bundesländern um die besten Fachkräfte», erklärte der Südwestmetall-Geschäftsführer für Politik, Bildung und Arbeitsmarkt, Stefan Küpper. Der Sprecher für frühkindliche Bildung der SPD-Landtagsfraktion, Daniel Born, sagte: «Während Eltern auf die gute Bildung in Kitas setzen, hat das Land schlicht gepennt. Das ist unverzeihlich.» Platzmangel, Fachkräftemangel und Gebühren sind ein Hemmschuh für die Entwicklung des Landes und zum Schaden der Kinder.

DAS MINISTERIUM: Das Haus von Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) prüft, ob aufgrund des hohen Fachkräftebedarfs nicht auch ein Direkteinstieg an Kitas möglich ist. «Außerdem werden wir die Qualität der frühkindlichen Bildung weiter stärken und wir werden die praxisintegrierte Ausbildung fortsetzen, um weiterhin Fachkräfte für den frühkindlichen Bereich zu gewinnen», sagte sie. Staatssekretär Volker Schebesta (CDU) ergänzte, bis 2024 würden insgesamt bis zu 80 Millionen Euro jährlich zusätzlich in Kitas investiert. «Über das Gute-Kita-Gesetz des Bundes, den Pakt für gute Bildung und Betreuung und über die Fachkräfteoffensive des Bundes bilden wir zusätzliche Fachkräfte aus. Und das auch in der bezahlten praxisintegrierten Ausbildung, bei der Baden-Württemberg deutschlandweit Vorreiter ist.»

© dpa-infocom GmbH

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