Spahn erwartet «traurigen Höhepunkt» um Weihnachten

03.12.2021 Nach langem Ringen sollen härtere Einschränkungen greifen, um die bedrohliche Virusausbreitung schleunigst aufzuhalten. Doch klar ist auch: Es geht jetzt vor allem darum, noch Schlimmeres zu vermeiden.

Der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn spricht über die Entwicklung in der Corona-Pandemie. Foto: Kay Nietfeld/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Für das dringend erhoffte Eindämmen der Corona-Welle im Advent fordern Politik und Mediziner eine konsequente Umsetzung strengerer Auflagen in ganz Deutschland.

«Wir haben keine Zeit zu verlieren, keinen einzigen Tag», sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler. Der scheidende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) rechtfertigte umfassende Beschränkungen für Ungeimpfte, um eine noch dramatischere Zuspitzung abzuwenden. Intensivmediziner machen sich auf einen Höhepunkt der Notlage in vielen Kliniken um Weihnachten gefasst. Die Durchsetzung von Auflagen soll auch die Polizei verschärft in den Blick nehmen.

Spahn: Lage um Weihnachten mies

Spahn sagte, selbst wenn die von Bund und Ländern beschlossenen zusätzlichen Maßnahmen schon morgen volle Wirkung zeigten, würden Klinikbelastungen weiter ansteigen. Deutschland werde die Zahl von mehr als 5000 Corona-Patienten auf den Intensivstationen deutlich übersteigen. Die Lage werde «rund um Weihnachten ihren traurigen Höhepunkt erreichen». Die Intensivmediziner-Vereinigung Divi begrüßte die zusätzlichen Vorgaben, die vermutlich zum Jahreswechsel dazu beitrügen, die Zahl von Corona-Intensivpatienten zu senken. «Ein neues Allzeithoch rund um Weihnachten ist aber unvermeidbar.»

Beschlossen wurden jetzt unter anderem Zuschauerbegrenzungen bei Großveranstaltungen und umfassende Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte. Ihnen wird auch der Zutritt zu den meisten Geschäften verwehrt. «Wir hätten viel früher diese Konsequenz im Umgang mit ungeimpften Bürgerinnen und Bürgern an den Tag legen müssen. Denn sie treffen ihre Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, eben nicht nur mit Folgen für sich selbst», sagte Spahn. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sagte im ZDF: «Wir haben jetzt sehr drastische und weitgehende Maßnahmen auf den Weg gebracht. Die müssen umgesetzt werden.» Dies forderte auch Grünen-Chef Robert Habeck. «Es gilt jetzt keine Zeit zu verlieren», sagte er der dpa.

Omikron

Wieler sagte, die neue Virusvariante Omikron könnte in noch kürzerer Zeit zu noch mehr Fällen führen als die Delta-Variante. Daher müssten die neuen Maßnahmen flächendeckend umgesetzt werden. Dazu gehören auch regionale Schließungen von Clubs bei hohen Inzidenzen und ein Verkaufsverbot von Feuerwerk zu Silvester. Der RKI-Chef erläuterte, er rechne mit Effekten der Maßnahmen in etwa zwei Wochen. Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb sagte: «Mit den Beschlüssen werden wir noch etwa drei bis vier Wochen einen Anstieg in den Kliniken und auf den Intensivstationen haben.» Die Welle werde nicht so schnell aufhören.

RKI-Präsident Wieler sagte, die Sieben-Tage-Inzidenz sei «auf einem sehr hohen Plateau». Von einer Trendumkehr könne nicht gesprochen werden. Nach leichten Rückgängen stieg die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen wieder auf 442,1. Gemeldet wurden 74.352 neue Fälle und 390 Todesfälle an einem Tag. Wieler sagte, es gebe 926.000 nachgewiesene aktive Infektionsfälle bei einer geschätzten Untererfassung mit Faktor 2 bis 3. Etwas mehr als ein Prozent der gesamten Bevölkerung sei aktuell infiziert.

Letzter Auftritt

Spahn appellierte bei seiner letzten gemeinsamen Pressekonferenz mit Wieler vor dem Regierungswechsel in der kommenden Woche an alle Bürger: «Helfen Sie mit, weiteres Leid zu verhindern.» Er betonte, dass für das Ziel von bis zu 30 Millionen Impfungen bis Jahresende genug Impfstoff verfügbar sei. Die dafür benötigten Dosen würden bis Anfang kommender Woche schon an die Impfstellen ausgeliefert. «Wenn wir all diese Impfdosen auch verimpfen, dann machten wir uns selbst das größte Weihnachtsgeschenk.»

Von Praxisärzten kommen aber weiter scharfe Proteste, dass der Bund angeforderte Mengen nicht liefern könne. «Politik bremst die Praxen massiv aus», sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. «Wem hilft es, wenn wir Vertragsärzte mit Apothekern, Zahn- und von mir aus auch noch Tierärzten um nicht vorhandenen Impfstoff konkurrieren?» Nach dem Willen von Bund und Ländern sollen bald Impfungen an Apotheken und Pflegefachkräfte übertragen werden können, nach weiteren Änderungen auch an Zahnärzte.

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