Ein letztes «Glück auf!» für Kurt Biedenkopf in Dresden

03.09.2021 Kurt Biedenkopf, erster sächsischer Ministerpräsident nach der Wende, starb am 12. August. Nach der privaten Beisetzung erweisen ihm prominente Politiker, Freunde und Weggefährten die letzte Ehre.

Seine Stimme wird uns fehlen, sie wird auch mir fehlen.» Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält beim Trauerstaatsakt für den gestorbenen ersten sächsischen Ministerpräsidenten nach 1990, Kurt Biedenkopf, am Freitag in der Dresdner Frauenkirche kurz inne, sichtlich ergriffen.

Auch Michael Kretschmer (CDU), Sachsens amtierender Regierungschef, schluckt während seiner Ansprache. Sie werden, wie CDU-Chef Armin Laschet, auch sehr persönlich.

Erinnerungen an Erlebtes und Anekdoten aus dem privaten und beruflichen Leben eines besonderen Politikers und Menschen erfüllen das Gotteshaus, dessen Wiederaufbau Biedenkopf und seine Frau Ingrid stets unterstützten. Vor dem Altar stehen Kränze mit Bändern in Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß, den National- und Landesfarben. Vor einem Porträt mit Trauerflor liegen das Bundesverdienstkreuz am Bande und der Sächsische Verdienstorden.

Steinmeier würdigt Biedenkopfs Verdienste um Bundesrepublik und Freistaat. Er gehöre zu der Generation, die nach dem 1945 das Fundament schufen, auf dem sich Stabilität und Wohlstand späterer Jahre in Deutschland entwickeln konnten, in Sachsen fanden dann «ein Mensch und eine Aufgabe zusammen». Der ihm zuerkannte Titel «König Kurt» zeuge von größter Wertschätzung. «Auch treffende Spitznamen muss man sich verdienen.»

Biedenkopf habe sich um Sachsen verdient gemacht, in Achtung vor dem Können, der Intelligenz und der Lebensleistung der Menschen, «mit seinen Visionen, seinem Zuspruch und Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit». Er wäre gerade heute «mehr als willkommen: ein reflektierter Denker, der die Gesellschaft, in der er lebt, in ihren ganzen Facetten zu verstehen sucht, der aber auch im Praktischen weiß, was zu tun ist, wenn es auf ihn ankommt», sagte Steinmeier.

Respekt gegenüber den Menschen

«Seine Freude am intellektuellen Diskurs, um Dinge zu verstehen und etwas Konkretes daraus zu machen, hat auch uns junge Leute immer wieder beeindruckt und inspiriert», erinnerte Kretschmer. Ihn habe interessiert, wie ein Problem zu lösen sei, was in Zukunft passiere, nicht, was nicht gehe oder gelungen sei. Respekt gegenüber den Menschen und das gemeinsame Arbeiten für ein Ziel sei Erfolgsrezept gewesen. Kretschmer dankte, wie zuvor schon Steinmeier, auch Ingrid Biedenkopf, die sich als «Landesmutter» zusammen mit ihrem Mann um die Sorgen der Menschen gekümmert habe - und erinnerte an die besondere Nähe und Liebe des Paares.

Die Witwe, das Gesicht unter einem schwarzen Hut verborgen, war sichtlich erschüttert, weinte immer wieder und strahlte große Traurigkeit aus. Der Bundespräsident hielt ihre Hand, wie ihr «Kurt Hans» es sonst stets tat - bei öffentlichen Auftritten ebenso wie beim Konzert- oder Opernbesuch. Neben der Familie saßen viele politische Weggefährten, Freunde und Persönlichkeiten in den Kirchenbänken - mit Maske und Abstand.

So erwiesen Minister der drei Biedenkopf-Kabinette und Amtsnachfolger Georg Milbradt (CDU) dem Verstorbenen ebenso die letzte Ehre wie Mitglieder der aktuellen Regierung und Landtagspräsident Matthias Rößler. Auch Thüringens früherer Ministerpräsident Bernhard Vogel, Ex-SPD-Chef Kurt Beck und der langjährige Bundesminister Thomas de Maizière (CDU) hatten in den Bänken Platz genommen, auch Verlegerin Friede Springer war an die Elbe gekommen.

Laschet wendet sich an Witwe

Beim «Adagio for strings» von Samuel Barber ist Biedenkopf für wenige Minuten fast fühlbar, durch Bilder aus dem politischen und Privatleben - es ist der emotionalste Moment bei dem ersten Trauerstaatsakt. Der CDU-Bundesvorsitzende Armin Laschet, der danach ans Pult geht, findet mit persönlichen Worten an die Witwe den richtigen Ton. Sie sei immer und auch bei seinen letzten Telefonaten mit Biedenkopf dabei gewesen. «Ich kenne nur wenige Politiker, die so sehr gemeinsam mit ihrer Frau Politik gestaltet haben.»

Laschet lobte Biedenkopf als einen der großen intellektuellen Antreiber der deutschen Politik. «Sein Geist stand nie still, er war immer auf Suche nach einer besseren Lösung, einem überzeugenderen Argument, ein geschätzter geachteter Ratgeber über Parteigrenzen hinweg mit großer analytischer Kraft.» Er habe seinen Grundgedanken, die Freiheitskräfte zu stärken, im Osten verwirklicht. «Sein Leben und Wirken bleiben uns Inspiration, Anspruch und Ansporn.» Kurt Biedenkopf werde nicht vergessen, «nicht im Westen, nicht im Osten», versprach er.

Am Ende verneigten sich Steinmeier, Kretschmer und Laschet, die Witwe untergehakt in der Mitte, schweigend vor dem Porträt des «Westimports», der vielen Sachsen «König Kurt» ist. Und Kretschmer gab seinem Förderer den Gruß des Erzgebirges mit auf den Weg, den dieser oft zitierte: «Glück auf, Kurt Hans, ruhe in Frieden!»

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