Afghanischer Ex-Minister fährt in Leipzig Essen aus

02.09.2021 Er studierte in Oxford, lebte in vielen Ländern und arbeitet heute als Kurier: Syed Sadaats Geschichte geht zurzeit um die Welt. Dabei ist sie nicht für alle eine Überraschung.

Syed Ahmad Shan Sadaat war von 2016 bis 2018 Minister für Kommunikation in Afghanistan. Heute lebt er in Leipzig. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Geschichte klingt wie ein Märchen - nur mit umgekehrter Dramaturgie: Syed Ahmad Shah Sadaat war in Afghanistan einst Teil der Regierung unter Präsident Aschraf Ghani, heute arbeitet er in Leipzig als Kurierfahrer für einen Essenslieferanten.

«Ich bin zurückgetreten, nachdem ein enger Zirkel um den Präsidenten Druck auf mich ausgeübt hat», sagt Sadaat. Seine Geschichte, über die zunächst die «Leipziger Volkszeitung» berichtete, beschäftigt zurzeit Medien weltweit. Dabei ist sie laut Forschern kein Einzelfall.

An einem freien Arbeitstag nimmt sich Sadaat Zeit, um in einem Leipziger Café seine Geschichte zu erzählen. Seit Dezember des vergangenen Jahres wohnt er in der sächsischen Stadt. Aufgewachsen in Afghanistan sei er mit zwölf Jahren nach Pakistan gekommen, erzählt Sadaat. Später habe er in Oxford Ingenieurwesen studiert, zwei Master in Telekommunikation gemacht und für viele verschiedene Firmen gearbeitet. «Für ungefähr 20 Netzwerke in 13 Ländern», sagt Sadaat, der laut eigenen Angaben neben der afghanischen auch die britische Staatsbürgerschaft hat.

2018 trat Sadaat zurück

Sadaats genaue biografische Angaben lassen sich nicht nachprüfen. Zu finden sind allerdings bis heute Artikel über ihn auf der Internetseite des afghanischen Kommunikationsministeriums. Dort sei er 2016 angestellt worden, sagt Sadaat. «Nach einem Vorstellungsgespräch mit Präsident Ghani bot er mir einen Job als stellvertretender Technologieminister an.» Monate später sei der Minister entlassen worden, er selbst in die erste Reihe aufgerückt.

Sadaat sagt, dass er in seinem Amt Afghanistan zu einem digitalen Zentrum der Region machen, einen eigenen Satelliten für Afghanistans Mobilfunkempfang installieren wollte. «Ich wollte ein sicheres, verlässliches Netz für mein Land», sagt er. Doch 2018 dann der Rücktritt: Ein enger Zirkel um den Präsidenten habe ihn dazu gedrängt. «Sie wollten, dass ich illegale Sachen mache, doch das wollte ich nicht», sagt er. Ob es um Korruption gegangen sei? Dazu will sich Sadaat nicht äußern.

Freimütig erzählt er jedoch, dass er im Dezember 2020 nach Leipzig gekommen sei. Obwohl er britischer Bürger sei, habe es ihn schon immer gereizt, eine weitere europäische Sprache zu lernen. «Deutschland ist wirtschaftlich stark und es gibt hier viele Jobs in der Telekommunikationsbranche», sagt er. Deshalb sei er nach seiner Ausreise aus Afghanistan nach Deutschland gegangen.

Er lernt weiter Deutsch - für den Job

Statt für ein großes Unternehmen jobbt Sadaat nun allerdings als Kurier für einen großen Essenslieferanten. In orangefarbenem Outfit und mit einem Fahrrad fährt er teils Hunderte Kilometer pro Woche durch die Stadt. Dass er zurzeit für Restaurants arbeitet, anstatt die Regierung zu vertreten oder für internationale Firmen zu arbeiten, scheint ihn nicht zu stören. «Ich hatte mehrere Vorstellungsgespräche mit Unternehmen meiner alten Branche. Man hat mir aber immer gesagt, dass ich für eine Anstellung Deutsch sprechen muss», sagt er. Mittlerweile lerne er täglich die Sprache.

Vom internationalen Experten und Minister zum Pizzaboten: So unglaublich die Geschichte Sadaats klingt, für den Wissenschaftler Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist es keine Überraschung, dass eine afghanische Führungskraft zunächst Probleme auf dem Arbeitsmarkt hat. «In der Forschung sehen wir, dass sich auch viele Akademiker schwer tun, wenn sie nach Deutschland kommen», sagt der Leiter des Forschungsbereichs «Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung».

Das IAB befragt gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) in einer Langzeitstudie Menschen, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland gekommen sind. Die Befragten sind im Gegensatz zu Sadaat zwar Geflüchtete - darunter laut Brücker jedoch auch Afghanen, die ähnlich wie der Ex-Minister gut ausgebildet sind.

«Den Afghanen jetzt nicht den Rücken zudrehen»

Viele von ihnen müssten trotz ihrer sehr guten Ausbildung von Null anfangen, sagt Brücker. Wer früher in seinem Heimatland etwa Jurist oder Verwaltungsbeamter gewesen sei, könne mit dem Abschluss hier meist nur wenig anfangen.

Einfacher hätten es etwa Ärzte, da ihre Ausbildung in den meisten Ländern sehr ähnlich sei. Auch Menschen mit mittlerer Qualifikation wie Handwerker könnten meist vergleichsweise einfach in den Arbeitsmarkt einsteigen. Selbst wenn sie keinen formalen Berufsabschluss aus ihrem Heimatland hätten, werde ihre Erfahrung in Deutschland oftmals anerkannt.

Auch Sadaat hofft, dass seine Berufserfahrung und sein Wissen über Afghanistan in Deutschland gebraucht werden. Er würde gerne für die Telekom arbeiten - oder für die deutsche Regierung. Als Berater im Auswärtigen Amt könne er seine Erfahrungen mit der afghanischen Regierung weitergeben, hofft Sadaat. Sein Appell: «Der Westen darf den Afghanen jetzt nicht den Rücken zudrehen.» Die Partner sollten das Land weiter finanziell unterstützen - und durch Abkommen mit den Taliban erreichen, dass Menschenrechte garantiert seien.

Sein eigentlicher Traum sei jedoch, eines Tages nach Afghanistan zurückzukehren und dort die Telekommunikation seines Landes wieder aufzubauen, sagt Sadaat. Doch bis die Sicherheitslage es erlaube, vergehe noch viel Zeit. «Ich werde warten und zuschauen.»

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