Studien sehen dramatische Personalnot in Kitas

24.08.2021 Zwei Studien, eine Botschaft: In Kitas fehlen bundesweit in drastischem Ausmaß Fachkräfte. Die Pandemie habe die Lage noch verschärft. Die Prognosen fallen düster aus.

Handtücher und Zahnputzbecher hängen und stehen in einer Kindertagesstätte im Waschraum. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Großer Aufholbedarf bei Betreuung und Förderung der Kleinsten: Zwei Studien zur frühkindlichen Bildung sehen bei der Personalausstattung der Kitas bundesweit erhebliche Defizite.

Die Pandemie hat den Personalmangel in den Kindertagesstätten noch verschärft, wie aus einer repräsentativen Befragung von 4466 Kitaleitungen hervorgeht, den die Gewerkschaft VBE am Dienstag zum Deutschen Kitaleitungskongress in Düsseldorf vorstellte. Eine erhebliche Fachkräfte-Lücke sieht auch eine Prognose der Bertelsmann Stiftung. Dabei habe es schon einen «enormen quantitativen sowie qualitativen Ausbau des frühkindlichen Bildungssystems» gegeben.

Laut Stiftung in Gütersloh fehlen für eine kindgerechte Personalausstattung bei gleichzeitigem Kitaplatzausbau bis 2030 mehr als 230 000 Erzieherinnen und Erzieher. Die Lücke zwischen Angebot und Bedarf bei optimaler frühkindlicher Bildungsqualität und ausreichenden Plätzen lasse sich in diesem Jahrzehnt wohl nicht vollständig schließen. Prognosen deuteten aber darauf hin, dass bei weiteren Anstrengungen das «Ost-West-Gefälle» bis 2030 auflösbar sei. Derzeit gebe es im Westen zu wenig Plätze und im Osten betreue eine Kraft deutlich zu viele Kinder.

Wie sieht es konkret aus? 2020 arbeiteten gut 635.000 Fachkräfte in den Kitas - ein Anstieg um 61 Prozent im Vergleich zu 2011 laut Stiftung. Grund für den Personalzuwachs sei ein massiver Ausbau an Kitaplätzen: Fast 61 Prozent der Jungen und Mädchen bis sechs Jahre besuchen inzwischen eine Kita oder eine andere vorschulische Einrichtung - ein Plus von 22 Prozent seit 2011.

Es gibt Unterschiede in den Ländern

Verbesserungen zeigten sich beim Personalschlüssel in den allermeisten Bundesländern: Im Schnitt kümmert sich in Kindergärten eine Fachkraft um 8,7 Kinder (2013: 9,6). In Krippengruppen für die Jüngsten kommt eine Erzieherin auf 4,1 Kinder (2013: 4,6). Allerdings gibt es Länder-Unterschiede. Und eine ostdeutsche Erzieherin kümmert sich um zwei bis knapp drei Kinder mehr als ihre westdeutsche Kollegin. Besonders im Osten erreichten die Personalschlüssel das von Fachleuten empfohlene Niveau noch lange nicht.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in der Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE): 80 Prozent der befragten Leiterinnen und Leiter schätzen, dass der Personalschlüssel in ihrer Kita schlechter ausfällt als nach wissenschaftlichen Empfehlungen. Experten raten bei unter Dreijährigen zu einer Erzieherin für drei Kinder, bei älteren Jungen und Mädchen bis sechs Jahre zum Verhältnis von eins zu 7,5.

Viel zu wenig Personal

Die Erhebung habe eine teilweise dramatische Unterdeckung beim Personal offengelegt: 40 Prozent der Kitaleitungen gaben laut VBE an, dass sie zu mehr als einem Fünftel der Zeit - also rechnerisch an mindestens einem Tag pro Woche - ihre Aufsichtspflicht in der Kita nicht mehr gemäß gesetzlicher Vorgaben erfüllen können, weil ihnen das Personal fehle. Brisant auch: Träger hätten Kräfte in die Kitas geholt, die «vor Jahren wegen mangelnder Passgenauigkeit nicht eingestellt worden wären», wie 47 Prozent der Befragten sagten.

Das Gute-Kita-Gesetz habe Erwartungen vielfach nicht erfüllt, bilanzierte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann. Die Gelder daraus seien von vielen Bundesländern nicht in dringend notwendige Verbesserungen der Kita-Qualität gesteckt worden, sondern in eine Senkung oder Abschaffung der Elternbeiträge. Er sprach von «Etikettenschwindel». Mit dem Gesetz von 2019 stellt der Bund den Ländern bis 2022 insgesamt rund 5,5 Milliarden Euro zur Verfügung.

Auch nach 2022 brauche es weiter Geld vom Bund, verlangte der Deutsche Städtetag. Der Platz-Bedarf werde noch weiter steigen. Die Gewerkschaft GEW forderte in Richtung Bund: «Qualitätsverbesserungen müssen aus einem Sondervermögen dauerhaft finanziert werden.»

Wertschätzung fehlt

Was ist mit Wertschätzung? Vier von fünf Kitaleitungen sehen sich von der Politik nicht ausreichend gewürdigt. «Zusätzliches Warnsignal» laut VBE, dass vor allem jüngere Leitungskräfte dies bemängeln. In den kommenden Jahren müssten viele Leitungspositionen neu besetzt werden. Bemühungen, den Beruf attraktiver zu gestalten, würden konterkariert, wenn Wertschätzung und Bezahlung nicht stimmten, sagte Beckmann. Es brauche bessere Rahmenbedingungen und höhere Bezahlung.

VBE und Stiftung forderten eine Fachkräfteoffensive und mehr Ausbildungskapazitäten. Und weitere Anstrengungen beim Fachkraft-Kind-Schlüssel, wie auch Anette Stein, Bildungsexpertin der Stiftung, vor allem mit Blick auf das Ost-West-Gefälle unterstrich: «Es kann nicht sein, dass wir den Anspruch gleichwertiger Lebensverhältnisse in Deutschland haben, aber schon in der ersten Bildungsinstitution scheitern.» Der Personalschlüssel gilt als zentral für Kita-Qualität.

«Wenn Kinder in schlechten Betreuungssettings sind, weil zu wenig Personal da ist, dann gefährden wir ihre Entwicklung - etwa in sprachlicher, motorischer oder emotionaler Hinsicht», erläuterte Stein. «Egal wie gut eine Fachkraft ausgebildet ist: wenn sie sich um zu viele Kinder kümmern muss, kann sie maximal eine Betreuung gewährleisten.» Von frühkindlicher Förderung und Bildung könne dann aber keine Rede mehr sein.

© dpa-infocom GmbH

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