Taliban treffen andere politische Kräfte Afghanistans

18.08.2021 Während etliche Länder ihre Staatsbürger aus Afghanistan ausfliegen, sind viele Fragen mit Blick auf die politsche Zukunft des Landes offen. Die Taliban führen nun Gespräche.

Auf diesem von den Taliban veröffentlichten Foto treffen sich Hamid Karsai (M,l-r), ehemaliger Präsident von Afghanistan, Anas Hakkani, hochrangiger Führer der Hakkani-Gruppe, Abdullah Abdullah, Vorsitzender des Nationalen Rats für Versöhnung, sowie weitere Mitglieder der Taliban-Delegation. Foto: Taliban/Taliban/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan haben die Taliban erste Gespräche mit anderen einflussreichen politischen Kräften des Landes geführt.

Ex-Präsident Hamid Karsai und der Leiter des Hohen Rates für Nationale Versöhnung Abdullah Abdullah sprachen am Mittwoch mit dem hochrangigen Taliban-Mitglied Anas Hakkani. Ein Mitarbeiter Karsais teilte danach mit, es sei um Pläne und weitere Treffen gegangen, wenn die politische Führung der Taliban-Bewegung in Kabul eingetroffen sein werde. Die Lage rund um den Flughafen der Hauptstadt Kabul blieb weiter unübersichtlich. Hunderte Menschen harrten dort aus, wie Augenzeugen der Deutschen Presse-Agentur berichteten.

Nach ihrem Eroberungszug und der Flucht des Präsidenten Aschraf Ghani haben die Taliban am Sonntag faktisch die Macht im Land übernommen. Der geflüchtete Ex-Präsident hat inzwischen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Unterschlupf gefunden. Viele Afghanen befürchten eine Rückkehr der Schreckensherrschaft der Islamisten der 1990er-Jahre, während der etwa Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen waren und die Vorstellungen der Islamisten mit barbarischen Strafen durchgesetzt wurden.

Taliban geben sich offen

Am Dienstag hatte der Sprecher der Taliban erklärt, man wolle auch andere politische Kräfte an der Macht beteiligen. Die Staats- und Regierungschefs der G7 wichtiger Industriestaaten wollen in der kommenden Woche bei einer Videokonferenz über das weitere Vorgehen beraten.

Wie genau in Zukunft das Land geführt werden soll, wie eine Regierung aussehen wird, welchen Namen und Struktur sie haben soll, ist noch unbekannt. Laut Sprecher Sabiullah Mudschahid arbeitet die Taliban-Führung gerade «ernsthaft» daran. Doch die Furcht von Menschen vor den Taliban im Land ist groß. Kinder, Frauen und Männer hielten sich am Mittwoch in den Straßen rund um das Flughafengelände in Kabul auf und hofften, das Land verlassen zu können.

Allerdings war der Flughafen nur eingeschränkt in Betrieb. Zahlreiche westliche Länder bemühen sich, ihre Staatsbürger und Ortskräfte aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen. Neben Deutschland flogen am Mittwoch auch andere Länder wie Polen, Tschechien, Italien oder Frankreich insgesamt Hunderte Menschen aus dem Land aus.

Diskussion in der EU um Flüchtlinge

Eine mögliche Zunahme von afghanischen Flüchtlingen entzweit die EU schon jetzt. Österreichs Innenminister Karl Nehammer von der konservativen ÖVP sprach sich für Hilfe vor Ort aus, außerdem sollten Abschiebezentren in der Nachbarregion Afghanistans eingerichtet werden. «Ziel muss es sein, den Großteil der Menschen in der Region zu halten.» Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn forderte hingegen Flüchtlingskontingente der EU-Staaten. «Wir brauchen Quoten für Flüchtlinge aus Afghanistan, die auf legalem Weg nach Europa kommen können», sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Mit Blick auf die Äußerungen seines Kollegen Nehammer sagte der Luxemburger: «Das ist schrecklich. Es ist zum Verzweifeln. Solche populistischen Sätze schüren nur Angst.»

Die Weltgesundheitsorganisation warnte unterdessen, die medizinische Not flüchtender Menschen in Afghanistan wachse. In den Kliniken in Kabul und anderen afghanischen Städten träten immer mehr Fälle von Durchfallerkrankungen, Mangelernährung, Bluthochdruck und Corona-Symptomen auf. Dazu kämen Schwangerschaftskomplikationen.

Die internationale Gemeinschaft pochte darauf, dass vor allem die Rechte von Frauen und Mädchen gewahrt bleiben. «Afghanische Frauen und Mädchen verdienen es wie alle Afghanen in Sicherheit, Geborgenheit und Würde zu leben», hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme der EU, der USA, Großbritanniens und anderer Staaten.

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