Ein Märtyrer und Maradona: Besuch bei Neapels Schutzpatronen

18.11.2021 Neapels Bewohner sind fromme Menschen, Hausaltäre zieren die Gassen der Altstadt. Zu einer Art neuem Stadtheiligen ist der verstorbene Fußballer Maradona avanciert - der Kult nimmt skurrile Züge an.

Wie die meisten Bewohner Neapels hat auch Gianmarco ein Heiligenbild von Stadtpatron San Gennaro an seine Windschutzscheibe geklemmt. «Ohne seinen Schutz wäre unser Leben kaum vorstellbar», sagt der Taxifahrer und steuert seinen Wagen die Seepromenade entlang. Der Blick auf die hügelige Metropole mit ihren Burganlagen und auf den tiefblauen Golf von Neapel ist herrlich.

Die Neapolitaner verehren den Patron der Stadt, der im Jahr 305 nach Christus als Märtyrer starb und 1631 die Gebete der Einwohner erhört haben soll: Er habe einen Ausbruch des Vesuvs gestoppt und die Stadt in Süditalien damit vor der Zerstörung bewahrt, so geht die Legende.

Eine Liebesgeschichte der besonderen Art

«Wegen der Nähe zum Vesuv hielten es Neapels Bewohner schon immer für überlebenswichtig, sich einem Heiligen anzuvertrauen, der sie vor der Wut des Vulkans schützt», erklärt der Geschichtswissenschaftler Gianni Russo. Glaube und Aberglaube lägen dicht beieinander in Neapel. Russo schwenkt demonstrativ sein Cornicello am Autoschlüssel, ein dunkelrotes Hörnchen, das gegen den bösen Blick schützen soll.

Die tief katholischen Neapolitaner haben viele Schutzpatrone. Doch San Gennaro hat inzwischen ernstzunehmende Konkurrenz bekommen: Diego Maradona. Seit seinem Tod im November 2020 im Alter von nur 60 Jahren ist der legendäre Fußballer eine Art neuer Stadtheiliger. Immerhin führte er den SSC Neapel zweimal zur italienischen Meisterschaft.

Maradonas Konterfei prangt in fast jeder Straße an Hauswänden, Laternen oder Türen. In der traditionsreichen Via San Gregorio Armeno in Neapels Altstadt ist seine Figur in allen Größen und Varianten ein Bestseller - gerne auch in Engelsversion mit Flügeln. «Niemand verbindet derart problemlos Heiliges und Profanes wie wir Neapolitaner», sagt Gianni Russo scherzend. «Neapel und Maradona, das ist eine Liebesgeschichte der besonderen Art.»

Haupthaar hinter Glas

Ein paar Gassen weiter befindet sich die Bar Nilo, wo der Maradona-Kult skurrile Züge annimmt. Hier kann man echtes Haupthaar des argentinischen Fußballers bewundern, aufbewahrt hinter Glas. Der Barbesitzer Bruno Alcidi soll einst nach einem Auswärtsspiel in Mailand hinter Maradona im Flugzeug gesessen haben. An der Kopfstütze vor sich entdeckte er angeblich einen kleinen Haarbüschel des großen Idols und nahm diesen mit, aufbewahrt in einer Zigarettenschachtel.

Daheim in Neapel bastelte sich Alcidi seinen ganz privaten Schrein mit dem «capello miracoloso die Maradona», dem wundersamen Haar des Fußballers sowie mit Fotos und einer Marienfigur.

Allabendlich treffen sich die Fans

Neben Alcidis Bar gibt es noch eine weitere Pilgerstätte für Maradona-Fans. Dafür muss man sich durch das steile und enge Gassennetz in den Quartieri Spagnoli nach oben kämpfen. Gegenüber der Kneipe Bodega de Dios liegt ein moderner Maradona-Tempel unter freiem Himmel, gekrönt von einem riesigen Wandgemälde des Stars.

Allabendlich treffen sich hier die Fans. Auf dem Platz gegenüber der Kneipe gibt es Trikots und Devotionalien. Susi Bostik, die Tochter des Kneipenwirts, ist stolz auf den Star: «Er hat unserer Stadt und dem armen Süden Italiens die Würde zurückgegeben. Seit Maradona haben wir keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Norden mehr.» Und es hat sich noch etwas verändert. «Früher traute sich kein Fremder hier hoch, doch inzwischen ist unser Viertel sicher», sagt Bostik.

Unweit von Bostiks Bar, an der Piazzetta Parrocchiella, wird Ugo Russo mit einem grelltürkisen Wandgemälde gehuldigt. Der Junge wurde im Alter von 15 Jahren von der Polizei getötet, als er bei einem Raubüberfall eine Plastikpistole zückte. Das Bild soll bald verschwinden. Susi Bostik und ihre Freunde sind damit zwar nicht einverstanden. Doch es gibt einen Trost: «Wir haben ja unser Idol, nämlich Diego Maradona», sagt die Neapolitanerin.

© dpa-infocom GmbH

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