Bikepacking: Selbstversorger-Abenteuer auf zwei Rädern

25.10.2021 Ein Fahrrad, ein Schlafsack und unendliche Möglichkeiten: Beim Bikepacking kommen minimale Ausrüstung und maximale Freiheit zusammen. Dafür braucht es weder viel Zeit noch Geld. Nur etwas Mut.

Die erste Nacht ging gründlich in die Hose. Der Ochsenkopf im Fichtelgebirge, Dauerregen, keine Aussicht auf Besserung. «Wir mussten uns eine Unterkunft nehmen.»

Dabei war André Joffroy mit dem Fahrrad losgefahren, um endlich mal weg von allem zu sein. Nur mit Schlafsack, Zelt und Wechselklamotten war der Wahl-Franke auf sein Fahrrad gestiegen, um einen Teil der Transost zu fahren. Die Strecke führt von Bayreuth bis ans Schwarze Meer. Nach dem verregneten Start wurde doch noch alles gut.

Vier Nächte im Zelt, komplett abschalten und ein «absolutes Gefühl der Unabhängigkeit», wie Joffroy erzählt. «Es war fantastisch.»

André Joffroy ist seit Jahren passionierter Radfahrer. Doch Touren wie diese haben auch ihm eine neue Welt eröffnet. Sie fallen unter den Begriff Bikepacking: Abenteuerradeln mit kleinem Gepäck und Übernachtungen im Freien, bei denen der Weg das Ziel ist.

Einfach anfangen und später optimieren

Vom klassischen Radwandern unterscheidet sich Bikepacking vor allem in der Streckenführung. Neben Straßen und ausgebauten Radwegen können auch Schotterpisten, Waldpfade und Mountainbike-Trails Teil der Route sein. Und dann ist da das Gepäck. Vollgepackte Satteltaschen gibt es nicht, das Nötigste wird an Rahmen und Lenker verstaut.

«Eine Hürde ist zu denken, ich habe nicht die richtigen Sachen dafür», sagt Joffroy. Anfangen könne man einfach mit dem, was man habe: das alte Zelt und die Isomatte aus der Festivalzeit, Campinggeschirr, eine Taschenlampe. «Das alles mit zwei, drei Bändern am Fahrrad festmachen und raus in den Wald.»

Zum Ausprobieren reicht ein sogenannter Overnighter: Abends los, nach dem Abendessen, eine Übernachtung, am Vormittag zurück.

Den ersten Kontakt mit Bikepacking hatte Joffroy durch Gunnar Fehlau. Der Göttinger hat die Grenzsteintrophy ins Leben gerufen, eine Selbstversorgerfahrt entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, ist zweiter Vorsitzender des Vereins Bikepacking Deutschland, Buchautor und Gründer des Pressedienst-Fahrrad.

«Für mich ist das eine Kreuzung aus Pfadfindertum und Radsport», sagt Gunnar Fehlau über das Bikepacking.

Die Frage nach dem Nachtlager

Eine Herausforderung ist die Tourenplanung. In Deutschland gibt es, anders als etwa in Schweden, kein Jedermannsrecht. Wildcampen ist also verboten, wenn vom Waldbesitzer nicht ausdrücklich erlaubt.

Die Eingriffe in die Natur sollten auf jeden Fall minimal sein: Wer nur Schlafsack und Isomatte ausrollt, kein Feuer macht und eventuell eine Zeltplane (Tarp) als Regenschutz spannt, kann eher auf Nachsicht hoffen als jemand, der ein richtiges Zelt aufbaut.

Alternativen sind zum Beispiel Natur-Campingplätze, Schutzhütten, Schullandheime, Bauernhöfe und Sportplätze. Inspiration gibt es auf Webseiten wie www.1nitetent.com, über die Privatleute ihren Garten oder ein Grundstück für ein Nachtlager anbieten.

Praktische Tipps für die Bikepacking-Tour

Ansonsten sollten Anfänger Touren vor allem entlang von Versorgungsmöglichkeiten planen, also Bäckereien, Gaststätten, Supermärkten oder Tankstellen. Ein paar Snacks und Getränke sollten Bikepacker zwar immer dabeihaben. Gerade bei Mehrtagestouren ist unterwegs kaufen aber besser als schleppen.

Das Fahrrad selbst sollte zu den individuellen Vorlieben passen. «Ein Rennrad geht irgendwann im Gelände nicht mehr, Mountainbikes sind auf der Straße schlecht», sagt Gunnar Fehlau. Im Kommen sind daher Gravelbikes: Fahrräder, die «ein bisschen alles können».

Aber auch mit normalen Trekkingrädern kann man losziehen, je nachdem, wo und wie lange man fahren möchte. Im Mittelpunkt steht Fehlau zufolge das Erlebnis: «Die Effizienz, mit der ich den Alltag hinter mir lasse, auch bei einem Overnighter, fasziniert mich immer noch.»

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