Astrachan offenbart Russlands Schätze

01.10.2021 An der Wolga liegt die alte russische Fischereistadt Astrachan. Der Ort gilt als Hauptstadt des schwarzen Kaviars. Doch die Region hat noch eine ganze Menge mehr zu bieten - wie strahlenden Lotus.

Kilometerweit rast das Schnellboot vorbei an hohem Schilf und Feldern, auf denen der Lotus rosa bis himbeerfarben blüht. Es saust durch das Wolgadelta - das größte Binnendelta Europas - bis in die Nähe des Kaspischen Meers.

An den Flussufern nahe der früheren Fischereimetropole Astrachan hier im ältesten Biosphärenreservat Russlands stehen anfangs noch ein paar Wassergrundstücke. Irgendwann aber öffnet sich die Landschaft ohne Spuren von Zivilisation.

«Sie gelten als Symbol der Reinheit», sagt der Ranger Nikolai Tkatschjow über den Lotus. Der 59-Jährige fährt durch das dichte Schilf, in dem sich eine Lichtung auftut - mit Flachwasser voller Fische und einem Meer an Lotus. Hier und da leuchten weiße Wasserlilien und gelbe Teichrosen. Vor allem aber das Schilf und die weltweit nördlichsten Lotus-Vorkommen bestimmen das Bild des von der Unesco anerkannten Naturerbes.

Rätsel um die Lotus-Vorkommen an der Wolga

Darüber wie genau die Pflanzen hier heimisch geworden sind, wird seit Langem gerätselt. Womöglich haben Wasservögel Lotus-Samen aus Südostasien hierher gebracht. Oder buddhistische Mönche setzten sie nach Reisen aus. Das benachbarte Kalmykien ist eine Teilrepublik Russlands und die einzige europäische Region, in der die buddhistische Religion dominiert.

Ziel der mehrstündigen Bootstour sind die Wasserflächen im Mündungsgebiet des Kaspischen Meeres. Für Naturfreunde ist die Tour das Kontrastprogramm zur Metropole Astrachan mit ihrem hellen Sandstrand an der Wolga, den Restaurants und ihren luftigen Terrassen in Ufernähe.

Die Großstadt am Unterlauf der Wolga liegt etwa eine Stunde Autofahrt vom Naturschutzgebiet entfernt. Astrachan bietet vieles, was auch Touristen aus dem Westen anspricht: schicke und preiswerte Hotels, die für russische Verhältnisse einen überdurchschnittlichen Service und Komfort bieten.

In der Hauptstadt des schwarzen Kaviars

Hier im Zentrum treffen die Geschichte der Zarenzeit und das architektonische Erbe der Sowjetunion aufeinander. Am imposanten Kreml, der seinen Ursprung im 16. Jahrhundert hat, steht vor den Mauern der Festungsanlage ein Denkmal Lenins. Der russische Revolutionsführer gründete einst den ersten kommunistischen Staat. Lenins Vater Ilja Uljanow kam 1831 in Astrachan zur Welt.

Bekannt ist die südrussische Metropole, die einst von der Fischerei lebte und heute an der Gasförderung verdient, aber vor allem als Russlands Hauptstadt des schwarzen Stör-Kaviars. Viele Touristen kommen wegen des Fischs, des Kaviars oder zum Angeln nach Astrachan.

In dem kleinen Dorf Werchnekalinowski etwa werden auf der Farm Astrachanskaja Fischka Störe und Sterlete zum Verzehr gezüchtet. Im Mai lässt sich hier die Kaviarproduktion beobachten.

Wer die Tiere kaufen und einfach in der Wolga aussetzen will, ist ebenfalls willkommen. «Störe stehen unter Schutz und dürfen in freier Wildbahn nicht mehr geangelt oder gefangen werden», sagt Touristenführer Pjotr Lymarew. 40 Becken fasst die Anlage im Fluss. Fische in unterschiedlichen Größen und Preislagen können Kunden hier kaufen oder einfach nur beobachten. Darunter ist auch die berühmte Beluga, die größte Stör-Art.

Auf der Fischfarm informiert Inhaber Sergej Rogoschkin in einer Ausstellung über Störe als «Königin unter den Delikatessen». Besucher erfahren unter anderem, dass der kostbarste Kaviar der goldene oder bernsteinfarbene ist - gewonnen von seltenen weißen Stören. Nur etwa 10 Kilogramm würden davon pro Jahr auf der Welt gewonnen. Der Preis für 100 Gramm liegt bei bis zu 2500 US-Dollar.

Stör-Population zwischen Wilderei und Naturschutz

Auf der Fischfarm gibt es nur schwarzen Kaviar. Ikra heißt der Fischrogen auf Russisch. Längst produzieren auch Farmen im Westen die bei Gourmets begehrten Fischeier.

Eine 125-Gramm-Dose mit Störkaviar gibt es im Hofladen für 4375 Rubel (rund 50 Euro), der vom Sterlet oder anderen Fischen kostet weniger. In einem Fischrestaurant der Farm lassen sich die Spezialitäten gleich an Ort und Stelle probieren, der schwarze Kaviar auch mit einem Gläschen Wodka.

Die Ausstellung auf einer überdachten Restaurantterrasse ermöglicht aber auch einen kritischen Blick in die Vergangenheit, auf Russlands frühere Kaviar-Barone. Sie machten einst ein Vermögen mit dem Schlachten der Störe und der brutalen Ernte des Rogens. Nachhaltigkeit war für sie damals ein Fremdwort.

Die Überfischung und die zu Sowjetzeiten oft verheimlichten Umweltkatastrophen in den Chemiebetrieben an der Wolga führten zu einem massiven Rückgang des Bestands. Schon vor Jahren erlassene Fang- und Handelsverbote sowie das Aussetzen von Fischen sollen heute helfen, die Störpopulation zu erneuern.

Immer wieder gibt es allerdings Polizei- und Zollberichte über Wilderer und das Beschlagnahmen von teils Hunderten Kilogramm Kaviar.

Schwimmen gegen den Strom und eine Rallye in der Wüste

Doch die Region hat noch mehr zu bieten - Tagestouren etwa auf kleinen Wolgaschiffen mit Badepausen im Fluss, der auf den ersten Blick keine starke Strömung erkennen lässt. Beim Schwimmen wird rasch klar, wie schwer es ist, gegen den Strom anzukommen. Und wie groß die Gefahr ist, mitgerissen zu werden.

Astrachan mit seinem modernen Flughafen ist beliebter Startpunkt für Touren in die abwechslungsreiche Region, die sogar eine große Halbwüste, Steppe mit austrocknenden Seen und eine imposante Sanddüne bietet. Unter Rallye-Fahrern gilt die hügelige Wüstenlandschaft als beliebte Rennstrecke, wovon Reifenspuren im Sand zeugen.

Besonders viele Touristen kommen aber auch hierher, um einen Tagesausflug zum Salzsee Baskuntschak zu unternehmen. Es ist der Ort, von dem 80 Prozent des in Russland produzierten Salzes stammen, bis zu fünf Millionen Tonnen jährlich. Gut 300 Kilometer sind es von Astrachan mit dem Auto bis Baskuntschak, vorbei an saftigen Auen und bewässerten Feldern mit Tomaten. Auch dafür ist die Region russlandweit bekannt: als Hauptstadt zuckersüßer Wassermelonen.

Warmes Salzbad wie im Toten Meer

Wer Glück hat, sieht auf dem Weg zum Salzsee außer Pferdeherden auch Kamele aus Kalmykien. Wie weißer Schnee strahlt die Kruste am Ufer des Gewässers, dessen Salzgehalt mit 37 Prozent noch höher ist als im Toten Meer. Wie in einem Kurort geht es zu. Aus den Umkleiden und Duschen springen die Gäste in einen rostigen Van, um sich zur Badestelle bringen zu lassen.

Im Wasser selbst macht der hohe Salzgehalt das Stehen fast unmöglich und treibt einem immer wieder die Beine nach oben - wie ein Weinkorken im Wasser. Am besten lässt sich das herrlich warme Salzbad auf dem Rücken liegend genießen, schwebend an der Oberfläche. 13 Kilometer breit und 18 Kilometer lang ist der See, an dem das Salz teils bis zu 18 Meter dick ist.

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