Dynamische Sänfte

05.10.2021 Die BMW R 18 Transcontinental verspricht nicht nur Reiseluxus auf höchstem Niveau, sondern liefert ihn auch – und dazu souveräne Fahrleistungen.

SP-X/München. Ende August hat BMW die vollverkleidete R 18 Transcontinental vorgestellt. Inzwischen stand das optisch mächtige Motorrad mit einem Basispreis von 27.650 Euro für erste Testfahrten zur Verfügung.

Es wies eine allseits Bewunderung auslösende Sonderlackierung mit der Bezeichnung „Galaxy Dust metallic“ auf, deren Farbnuancen sich bei Betrachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln von Violett bis zu Türkisblau verändern. BMW nennt das Flip-Flop-Lackierung. Strahlt die Sonne, schaffen die vielen Effektpigmente des Lacks einen beeindruckenden visuellen Effekt. Dazu wird dieser Lack mit einem sogenannten Spiegel in „Titansilber 2 metallic“ an Tank, Koffern und Frontverkleidung kombiniert. Als Gipfel der Lackierkunst darf dabei der Übergang zwischen beiden Farbflächen in Form des händisch aufgetragenen Smoke-Effekts gelten, wie BMW ihn bereits in den 1970er Jahren bei seiner legendären R 90 S praktiziert hat. Zusätzlich umrandet eine klassische weiße Doppellinierung die Spiegelfläche. Niemand, der bei Betrachtung der dieserart lackierten Testmaschine nicht große Augen bekam. Freilich muss einem der Spaß auch zusätzliche 2.380 Euro wert sein.

Sie zählt zum Sonderausstattungsbereich mit dem Namen „Option 719“. Darunter fallen zahlreiche weitere Offerten, beispielsweise das an der Testmaschine ebenfalls installierte Designpaket Aero oder die in der Tat enorm bequeme Sondersitzbank mit integrierter Sitzzeitung vorne und hinten. Viele weitere Optionsteile haben dagegen keine Auswirkungen auf die Funktion, sondern sind reiner Zierrat, natürlich handwerklich bzw. technisch auf höchstem Niveau. Der US-Designer Roland Sands hatte hier seine Finger im sicherlich einträglichen Spiel.

Wem all das bisher Gesagte – unübersehbare Erscheinung, fulminante Ausstattung – von Harley-Davidson her bekannt vorkommt, der liegt keineswegs falsch. Die BMW R 18 Transcontinental als viertes Modell der R 18-Baureihe dokumentiert exakt das in Amerika gängige luxuriöse Reisen über weite Distanzen als Zielvorgabe ihrer Entwicklung. Freilich nicht als Abbild dessen, was Harley-Davidson seit Jahrzehnten und Indian seit einigen Jahren offerieren, sondern durchaus eigenständig, auch wenn sich manche Bauteile – zwangsläufig – nicht unähnlich sind. Aber wer den „American Way of Ride“ zum Ziel erhebt, wird eben bei einem langen Radstand, einer voluminösen Verkleidung, üppiger Sitzpolsterung und auch einem ausladenden Topcase mit der Möglichkeit integrierter Lautsprecher landen. Wie BMW die Zielvorgaben umgesetzt hat, verdient Bewunderung. Denn nicht anders als bei einer GS steht die Funktion im Mittelpunkt, freilich in Kombination mit einem stilsicheren Design.

Zum Antrieb der R 18 ist mittlerweile alles gesagt: Er passt einfach. Der 1,8 Liter große Boxermotor leistet 67 kW/91 PS. Genug für alle Situationen. Das bullenartige Drehmoment wird auch mit den samt Fahrer zehn Zentnern Zweirad spielerisch fertig; Drehzahlen von mehr als 4.000 sind kaum einmal vonnöten. Ist man nicht gerade in den Hochalpen unterwegs, genügen zumeist wenige Schaltvorgänge pro Stunde, um dennoch zügig vorwärtszukommen. Besonders beeindruckt, wie zielgenau und leicht sich die riesige Transcontinental dirigieren lässt. Kurvenreiche Strecken sind keine Last, sondern Lust. Ob diese Aussage auch noch für das Stilfser Joch oder das Hahntennjoch gilt, wollen wir an dieser Stelle mangels Erfahrung mal offenlassen. Dass die Kombination aus großem 24 Liter-Tank und niedrigem Benzinverbrauch von durchschnittlich unter sechs Litern große Reichweiten ermöglicht, wird dankbar vermerkt. Teils tankten wir erst nach knapp 400 gefahrenen Kilometern. Deutlich höher liegt der Benzinkonsum bei Autobahnfahrten jenseits von 130 km/h; bis zu diesem Tempo geben die sechs Lautsprecher zu Fahrers Freude gut hörbar ihr Bestes.

Ein eindrucksvolles Erlebnis stellt aber nicht nur das Fahren, sondern auch das Mitfahren dar. Sie fühle sich „wie die Queen herself“, war von der Dame des Herzens schon nach wenigen Kilometern zu hören. Nach mehreren hundert zurückgelegten Kilometern – die Füße ruhen auf bequemen Trittbrettern, die kristallklare Musik aus den Marshall-Lautsprechern umschmeichelt die Ohren – änderte sich das kein Jota.

Auch wenn die R 18 Transcontinental zu BMWs Heritage-Familie zählt, so ist sie doch ein technologisch top-modernes Motorrad: Erwähnt seien die Motor-Schleppmoment-Regelung, der optionale ACC-Tempomat mit Radarsensorik, das Integral-Bremssystem mit ABS, das über zehn Zoll große TFT-Farbdisplay mit integrierter Kartennavigation oder auch die optionale Rückfahrhilfe; sie zu ordern, ist angesichts der Fahrzeugmasse ein Zeichen von Klugheit. Auch die Berganfahrhilfe ist mitunter hilfreich. Keine dieser Technikfunktionen, auch nicht das adaptive Kurvenlicht, stechen jedoch ins Auge; BMW hat alles ausgesprochen diskret verpackt. Wie man überhaupt sagen muss, dass die R 18 Transcontinental eine stimmige Erscheinung ist. Denn die Entwickler haben an so gut wie alles gedacht, beispielsweise auch an eine Kühlfunktion bei warmem Wetter. Die unscheinbaren, verstellbaren Plexiglas-Windleitflügel an der Front sind hochwirksam; sie schützen ebenso gut vor Zug wie sie bei Hitze kühlenden Fahrwind an Fahrers Nase schicken.

Wie schon bei der R 18 B fehlt uns bei Nachtfahrten eine Hinterleuchtung der zahlreichen Lenkerschalter. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Transcontinental vorbehalten: Ihre Zuladung von 203 Kilogramm ist vergleichsweise knapp. Grund dafür ist einerseits das identisch zur R 18 B festgelegte zulässige Gesamtgewicht von 630 Kilogramm, zugleich aber ihr um immerhin 29 Kilo höheres Leergewicht. Das mindert die Zuladekapazität. Natürlich kann man als schlanker Mitteleuropäer mit 203 Kilo auskommen, mit gut gebauter Sozia und großem Tourengepäck könnte es aber knapp werden.

Technische Daten: BMW R 18 Transcontinental

Motor:  Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor, 1802 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, 67 kW/91 PS bei 4.750 U/min., 158 Nm bei 3.000 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kardan.

Fahrwerk: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen mit Rückgrat aus Blechumformteilen; Telegabel ø 4,9 cm vorne, 12 cm Federweg; Cantilever-Radführung hinten, Mono-Federbein, automatische Federvorspannung, 12 cm Federweg; Aluminiumgussräder; Reifen 120/70 R 19 (vorne) und 180/65 B 16 (hinten). 30 cm Doppelscheibenbremse vorne, 30 cm Einscheibenbremse hinten.

Assistenzsysteme: Zweikreis-ABS (vollintegral), drei Fahrmodi, Motor-Schleppmoment-Regelung, Antischlupfregelung, aut. Blinkerrückstellung, Keyless-Startsystem, Tempomat.

Maße und Gewichte: Radstand 1,695 m, Sitzhöhe 74 cm, Gewicht fahrfertig 427 kg, Zuladung 203 kg; Tankinhalt 24 Liter.

Fahrleistungen: 0-100 km/h ca. 6 s, Höchstgeschwindigkeit 180 km/h. Normverbrauch lt. WMTC-Norm (EU 5) 5,8 l/100 km, im ersten Test 5,7 l/100 km.

Preis: ab 27.650 Euro, als „First Edition“ ab 30.050 Euro, Testfahrzeug ca. 37.000 Euro

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